Mein erstes Mal – Palinka

Das erste Mal ist immer speziell. Als Heranwachsender war der erste Zug an einer Zigarette oder das erste Bier speziell hässlich, wie das auch kürzlich Johnny Dowd im Interview anmerkte. Andere erste Male sind aber natürlich auch verzaubernd, magisch. In dieser Rubrik verkosten wir zum ersten Mal bestimmte alkoholische Getränke. Ich hatte als Nicht-Ungare noch nie von «Palinka» gehört, aber eben, es gibt für alles ein erstes Mal 

Mein Kollege Sascha probierte in dieser Rubrik auch schon einmal erstmalig etwas aus Ungarn, nämlich den Magenbitter Zwack Unicum, dem unten in einem YouTube-Clip zusammen mit Palinka und Sodawasser gehuldigt wird. Ich hoffe jedenfalls, dass mein erstes Palinka-Tasting begeisterter ausfallen wird. Bringen wir uns also mit dieser Palinka-Hymne in die passende Laune:

In den Kommentaren zum Video wird darauf hingewiesen, dass die Einnahme von Palinka zum Frühstück gut bekommt …

Als ich mich kürzlich mit einer lieben Bekannten aus dem Fitnessstudio unterhalten hatte, landeten wir bei Gesundheitsthemen und schliesslich beim Alkohol. Sie selbst verträgt ihn nicht gut, erzählte mir aber, dass ihr Grossvater regelmässig seinen selbstgebrannten Palinka genossen habe. Nicht nur das, er sei auch starker Raucher gewesen. Und doch wurde er beinahe 100 Jahre alt …

Natürlich ist das anekdotisches Wissen, ein Einzelfall und sagt nichts über die allgemeinen Folgen des Alkohol- und Tabakkonsums aus. Und die andere Seite der Geschichte ist, dass gemäss den Schilderungen sein Ableben höchstwahrscheinlich wegen des Rauchens recht unschön war.

Hier sehen wir Freddie Mercury, wie er Palinka verkostet.

Jedenfalls wurde ich neugierig, was das für ein Lebenswasser ist, wovon ich nichts wusste. Meine junge Bekannte hat ungarische Wurzeln und Palinka ist die ungarische Bezeichnung für Obstbrand. Schriftlichen Nachweis desselben geht bis ins 17. Jahrhundert, archäologische Funde sogar bis ins 13. Jahrhundert zurück. Leider war sie zu jung, als sie ihren Grossvater sah, wie er es zubereitete und kann mir insofern nicht mitteilen, was er aus seinem Garten dem Pfirsich-Brand beigegeben hat, doch konnte sie mir tatsächlich noch etwas davon mitbringen – stilgerecht in eine Sportgetränkeflasche abgefüllt. Eine Art Flaschenpost aus vergangenen Zeiten.

Und das ist besagte Flasche. Alles parat für das Tasting

Sie mochte ihren Grossvater offenbar sehr und ich hätte mich gerne mit ihm unterhalten, im Wissen, dass die ungarische Sprache verdammt schwierig zu erlernen ist. Ich würde ihn beispielsweise fragen, wie er den jahrelangen Streit von Ungarn mit der EU bezüglich der steuerfreien (und nicht genehmigungspflichtigen) Menge hergestellten Lebenswassers bewertet. Aber wie auch immer, gehen wir es an!

Das Binnenland teilt sich die Grenzen mit diversen Ländern, von der Ukraine über Serbien bis zu Österreich, mit dem Ungarn eine bewegte gemeinsame Vergangenheit hat

Sie hatte mich vorgewarnt. Normalerweise kommt Palinka so ungefähr mit circa 40 bis 50 Alkoholprozenten daher. Dieser Selbstgebrannte tendiere jedoch eher gegen 60 Volumenprozent. Und in der Nase ist es tatsächlich so, dass man nebst dem Pfirsichgeschmack eine starke Ethanolpräsenz riecht. Auch eine krautige Note wird verströmt. Ich könnte jetzt etwas über Honig-, Löwenzahn- und Brennesselnoten schwurbeln, aber wie gesagt, wir wissen nicht, was da effektiv beigemengt wurde.

Der erste Schluck gerät trotz der Stärke sanfter als erwartet und hat auch etwas Zitroniges. Das Getränk ist fadegrad und haut ziemlich rein. Der Abgang ist zwar stark, aber nicht allzu lang. Das Mundgefühl ist eine Mischung aus leichtem Brennen und doch auch samtiger Sänfte. Faszinierend. Als in den 90er-Jahren Osteuropa für Reisen geöffnet wurde, kam ich per Interrail-Ticket auch in den Genuss von dortigem Selbstgemachtem. Ich kann mich nicht mehr wirklich gut daran erinnern, glaube aber, dass es relativ ähnlich schmeckte. Keine Zusatzstoffe, kein Schnickschnack, einfach ein ehrlicher Schnaps. Mir gefällts!

Die Geschichte von Budapest in drei Gläsern

Palinka wird in Ungarn im Allgemeinen pur getrunken. Trotzdem mixte ich mir damit einen Freyhänder-Cocktail, und zwar mit:
– Palinka
– etwas weniger Cointreau
– ein wenig Absinthe (der Fusion Absinthe von Matter Spirits)
– Zitronensaft

Das Resultat ist ein fruchtig-frischer Sommerdrink, passend zu den nun steigenden Temperaturen.

Zu Menschen, welche so alt wie ihr Grossvater werden, hatte der bekannte ungarische Schriftsteller Gyula Krudy (1878-1933) folgendes zu sagen:
«Aber es gibt unzählige Krankheiten, von denen man glaubt, dass nur Heiler sie heilen können. Als nur die Heiler und Kräuterfrauen das Leben der Menschen bewachten: auf den Grabsteinen der Friedhöfe wurde die Länge eines Lebens nie unter neunzig-hundert Jahren angegeben. Der Heiler heilte alle Krankheiten, die andere nicht heilen konnten. Die Weisen, Zyniker können reden, was sie wollten: Jeder, der ein Diplom hat, kann Arzt sein, aber zur Heilung (für jemanden, der von seinem Handwerk lebt) ist es notwendig, dass der Heiler auch heilen kann. Nicht einmal ein Narr besucht einen Heiler, der sich nicht mit seinen wunderbaren Heilungen einen Namen gemacht hat. Warum gingen die Kranken zum Heiler, sogar aus dem dritten Komitat? Die Bettlägrigen, die auf Anraten des Heilers aufstehen verkünden rege, dass es eine höhere Macht als die Medizin gibt: Der in den Heiler gesetzte Glaube und die Naturheilmethoden, deren Geheimnis diese wundersamen Menschen irgendwoher kannten. Ihre Apotheke ist die grossartige Natur. Ihre Wissenschaft basiert auf Erfahrungen, die über Menschenalter in die Vergangenheit zurückreichen: als die Menschen noch glücklich und gesund waren. Ihr Handwerk ist so mysteriös wie die Kunst der Brahmanen und Fakire, an die sich die europäische Wissenschaft auch heute noch herantastet. Sie heilten alles. Obwohl ich mich bei den guten Ärzten bedanken möchte, die mich mehrmals am Leben erhalten haben: Wenn ich einmal ein alter, reicher Mann wäre, würde ich neben einer guten Köchin und einer Kräuterfrau auch einen allwissenden Heiler in mein Haus aufnehmen.»

Ob diese Heiler auch Palinka verschrieben hatten, ist mir nicht bekannt, es wurde aber schon immer mit medizinischen Anwendungen in Verbindung gebracht. Glücklich macht Palinka auf jeden Fall, und ein zufriedenes Gemüt sorgt für einen gesunden Körper, soviel steht fest …

Autor

  • Wermutwolf Daniel Frey

    Ich habe Freude am Schreiben. Und am Trinken. Und am Schreiben, während ich trinke. Während des Vollmondes oder während des Trinkens verwandle ich mich in meine wölfische Urnatur.

    Alle Beiträge ansehen
Suche

Wir sind auch sozial

Hesch mer en Stutz?
Werwolf, der um eine Spende bittet

Die traditionelle Medienbranche ist nicht tot, riecht aber schon komisch. Darum machen wir es ganz anders. Wenn Euch unsere Website gefällt und Ihr uns unterstützen wollt, sind wir schon um einen einzigen Franken dankbar. Wir können allerdings nicht versprechen, dass wir ihn nicht für Alkohol ausgeben werden …

Banküberweisung:

IBAN CH05 0900 0000 1611 2200 3

Via twint an:

076 412 27 84


Themen

Absinthe Agaven Alkohol Bier Bourbon Chartreuse Cocktail Cognac Diät Entdeckungsreise Event Filme Filmfestival Geschichte Gin IPA Kirsch Likör Medien Mein erstes Mal Mexiko Mezcal Mission Bier-Rettung News Rezept Rezepte Rum Schlefaz Schweiz Tasting Tequila Tiere Trinkgeschichten Trinkspiel Weekend-Briefing Wein Wermut Whiskey Whisky Wissen Wodka Wolfsprobe Zaubertrank ZFF Zürich


Neu Veröffentlicht

Das hört der Wermutwolf

Abonniere unsere Beiträge

Oder per RSS-Feed: https://wermutwolf.ch/feed/


Wahre Worte

«Stehkneipen sind so beliebt, weil der Alkohol hier das beste Gefälle hat.»

Jürgen von Manger

Entdecke mehr von Wermutwolf

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen