Trinkspiele – Morra: laut, schnell und emotional

Morra ist die extreme Variante von «Schere, Stein, Papier», die schon die alten Römer kannten und liebten. Gespielt wird Morra gerne in trinkfreudiger Runde. Das Spiel ist schnell wie ein Ferrari, intensiv wie ein doppelter Espresso und lässt die Emotionen hochkochen wie der Vesuv.

Würde man nicht wissen, dass es ein Spiel ist, könnte man an eine bevorstehende Schlägerei denken: Leute in einer Bar oder in einem Restaurant, brüllen sich an und knallen die Hände auf den Tisch.

Doch es handelt sich um ein Spiel, das seinen Ursprung in Italien hat. Gerne wird es als «das älteste Spiel» bezeichnet, da es schon die alten Römer vor über 2000 Jahren unter dem Namen micare digitis («mit den Fingern funkeln») kannten. Es war so verbreitet, dass es sogar ein lateinisches Sprichwort gab: «dignus est quicum in tenebris mices» («eine Person, mit der man Micatio im Dunkeln spielen kann») – das war jemand, dem man blind vertrauen konnte.

Johann Liss: Morra-Spiel im Freien, um 1622. Quelle: wikipedia.org

In Italien heisst es heute Morra, im Engadin wird es Murra genannt. Die Regeln sind simpel:

Zwei Spieler stehen sich gegenüber. Beide werfen gleichzeitig ihre rechte Hand nach vorn und zeigen 1 bis 5 Finger (manchmal zählt die Faust als 1 oder 0, je nach Region). Im selben Moment rufen beide Spieler eine Zahl zwischen 2 und 10 – also ihren Tipp für die Gesamtsumme aller ausgestreckten Finger. Wer die Summe korrekt erraten hat, bekommt einen Punkt. Raten beide richtig oder falsch, geht es sofort weiter.

Die Tücke: Morra wird in einem halsbrecherischen Tempo gespielt. Es gibt kein langes Überlegen und keine Pause. Wichtig ist es, den Takt zu behalten und nicht hinterherzuhinken.

Meist wird in Italien bis 16 oder 21 Punkte gespielt. Im Engadin sind es fünf Runden à jeweils 11 Punkten. Ins Engadin gelangte Murra über die italienischen Arbeiter für den Eisenbahnlinienbau. Interessanter Fakt: Von diesem Spiel kommt auch der Schimpfname «Tschingg», wegen des Ausrufs «cinque» für die Zahl Fünf.

Bartolomeo Pinelli: Morra-Spiel in Rom, 1809. Quelle: wikipedia.org

Morra ist kein reines Glücksspiel: Profis beobachten das Verhalten des Gegners. Sie können seine Aktionen erraten. Ausserdem wird versucht, den Gegner durch schiere Lautstärke und Schnelligkeit aus dem Konzept zu bringen.

Beliebt war und ist Morra in Bars. Dort muss der Verlierer das nächste Getränk bezahlen oder man spielt in Teams. Das Verliererteam einer Runde zahlt die Zeche oder leert eine Runde Shots. Was das bei diesem rasanten Tempo bedeutet, könnt Ihr Euch vorstellen …

Oft wird Morra auch mit Wetteinsätzen in trinkfreudiger Runde gespielt. Dabei können die Emotionen hochkochen und in Streitereien und Schlägereien ausarten. Deswegen wurde Morra unter Mussolini im Jahr 1931 als Glücksspiel in öffentlichen Lokalen verboten. Und haltet Euch fest: Im Engadin in der Schweiz ist es aus diesen Gründen auch verboten, wie ein Beitrag auf SRF zeigt.

Im Engadin darf Morra in Restaurants nur mit Sondergenehmigung gespielt werden. Quelle: srf.ch
Im Engadin darf Morra in Restaurants nur mit Sondergenehmigung gespielt werden. Quelle: srf.ch

Autor

  • Wermutwolf Sascha Zäch

    In jedem steckt ein Wermutwolf. Mit ihm entdecke ich neue Geschmacks- und Geisteswelten. Ausserdem habe ich eine alchemistische Ader und stelle gerne eigene Zaubertränke her.

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