Bisher war das Konzept meiner Alkoholdiät (die ich selten durchgezogen habe), wenig zu essen, dafür ordentlich zu trinken. Nun habe ich den Spiess umgedreht und bin seit einem Monat trocken. Und um ein paar Erfahrungen reicher.
Es ist schon wieder mehr als ein Jahr seit meinem letzten Bericht dieser Artikelserie vergangen. Höchstwahrscheinlich, weil es mir (vor allem mir selbst gegenüber) peinlich war, immer schwerer anstatt leichter geworden zu sein. Meine aktuelle Dry-April-/May-Phase begann aus Pragmatismus gegenüber einem kleinen, temporären gesundheitlichen Ungemach und daraus entstand dann rasch die Neugier, was geschehen werde, wenn ich es weiterziehen würde. Jedes erste Mal birgt schliesslich neue Erkenntnis.

Sporadisch kam es in der Vergangenheit vor, dass mir Mitmenschen sagten, ich solle doch einmal einige Zeit keinen Alkohol trinken, um zu schauen, was das mit mir mache, ob ich das überhaupt könnte, und so weiter. Nach vier Wochen muss ich nun aber konstatieren, dass ich praktisch keinen Unterschied feststellen kann – mit zwei Ausnahmen.
Das eine ist: Ich müsste fast nie mehr entsorgen gehen. Tee trinken erzeugt kein Altglas, keine leeren Aludosen. Meine entsprechenden Taschen sind seit dem Beginn dieses Experiments fast noch genau gleich leer. Und das andere ist: Ja klar, ich nehme ab. Zuerst sah man es am Gesicht, dann bei der klassischen Problemzone, dem Bierbauch. Und also nimmt logischerweise auch mein Fitnesslevel wieder positivere Züge an.

Zusätzlich sind mir einige kleinere Veränderungen aufgefallen. Zum Beispiel bekunde ich grosse Mühe, länger als Mitternacht wach zu bleiben. Unter dem Einfluss von Alkohol konnten solche natürlichen Müdigkeitsphasen oft überwunden werden. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber vermutlich schlafe ich allgemein ein wenig länger. Und die Heisshungerattacken in der Nacht reduzierten sich deutlich.

Etwas surreal empfinde ich es schon, auf einer Party oder beim auswärts essen, als Einziger profanes Wasser zu trinken … Man gewöhnt sich an alles, sicher. Ich würde Euch wermutwölfische Leser hier nicht anschwindeln: Ich vermisste den Alkohol von Anfang an echt keine einzige Sekunde lang, was mich doch ziemlich erstaunt. Schliesslich war ich stets ein sehr passionierter Trinker, wenn wir es mal so formulieren möchten. Selbst mein geliebter «Tag des Cocktails» (13. Mai) ging unbemerkt an mir vorüber. Vielleicht hat sich diese ganze hohle Anti-Alkohol-Kampagne der WHO und Konsorten nun auch in meinen Geist eingeschlichen? Nein, natürlich nicht, nur ein kleiner Scherz … Vielleicht ist es schlichtweg mein Körper, respektive dessen Dankbarkeit ob der Entgiftungskur.

Selbstredend liebe ich jedoch die geistigen Getränke und wir sind hier ja nicht beim Himbeersirupwolf. Diese Woche findet ein Bier-Tasting-Event statt, der spannend klingt und dann werde ich vielleicht überrascht sein, wie mir neuerdings bereits ein einziges Bier zu Kopf steigt. Da werde ich mich umgewöhnen müssen, nicht dass es mir dann wie Hayden Geraghty ergeht, dem Chef von Schottlands erster alkoholfreier Bar («SOBR»), der kürzlich betrunken sein Auto geschrottet hat und dafür verurteilt wurde …

Und so werde ich mir zwar sicher auch künftig hin und wieder einen Drink über den Durst gönnen, doch im Grundsatz mässiger, oder wie in der Branche gesagt wird, genussvoller konsumieren. Ich schliesse nun mit einem Gedanken, der mir kürzlich auf Instagram begegnet ist. Ein Post widmete sich diesem Artikel, dessen Titel und Quintessenz lautet, dass wir «wieder mehr funktionierende Alkoholiker brauchen».

Der Autor John Loftus beginnt damit zu erwähnen, dass in den «Mad Men»-60er Jahren, als noch massiv mehr getrunken wurde als heutzutage, die Leute nicht weniger produktiv gewesen seien. Er zählt Beispiele von Finanzhändlern, über die US-Gründungsväter bis Churchill auf, welche unter dem Einfluss äusserst fähig tätig waren. Ferner habe der griechische Historiker Herodot einst beobachtet, dass die Perser Debatten immer zwei Mal führten; einmal nüchtern und einmal betrunken. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Debatten so viel vollständiger, abschliessender beurteilt werden können.

John zitiert ausserdem eine Studie aus 2017, dass vermehrt der Schluss gezogen werden könne, dass eine stärkere kognitive Kontrolle nicht immer mit besseren kognitiven Leistungen einher gehe. Natürlich sollte man ab einem gewissen Level keine schweren Lastfahrzeuge mehr steuern und dergleichen, doch in Bürojobs kann Alkohol einen gewissen entspannenden Reflex auslösen, um besser mit der Hektik und Multitasking fertig zu werden. Er wolle nicht dazu aufrufen, Hardcore-Alkoholiker zu werden, stellt aber die Frage, was denn so schlimm an einem milden Rausch zum Mittagessen oder im Büro sein soll, wenn die Arbeiter dadurch kreativer werden und mit dem Druck besser klar kommen. «Was, wenn da reale Vorteile dabei wären?»











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