Am zweitletzten Tag des Zurich Film Festivals standen gleich vier Filme im Programm. Dieses spannende Experiment, elf Tage nacheinander im Kino zu verbringen, ging immer mehr an die Substanz. Es gibt Filme, bei denen ich nicht traurig wäre, wenn ich sie nicht gesehen hätte, aber auch Filme, wo ich gerne mehr Zeit für Recherche gehabt hätte, weil sie hochinteressante Themen behandeln. Dann gab es Filme, die nerven und solche, die polarisieren. Dieser Samstag hatte etwas von all dem.
Film 25 – Frame 6 – 12.45 Uhr: Flow

Der Tag begann mit einem Animationsfilm von Gints Zilbalodis, der vor fünf Jahren mit «Away – Vom Finden des Glücks» bei Publikum und Kritik gut angekommen ist. Dazumal noch ein Einzelgänger, der alles selbst erledigte, hatte er jetzt mit «Flow» ein Team zur Unterstützung an seiner Seite.

Wegen einer grossen Flut (ich gehe mal stark davon aus, dass hier der Klimawandel thematisiert werden soll) tut sich die Katze mit anderen Tieren auf einem Boot zusammen, was wohl die Botschaft des Films sein soll: Gemeinsam sind wir stark, trotz unserer Unterschiede.

Es wird im Film nicht gesprochen, das ist kein Disney-Streifen. Eines der Probleme des Films ist, dass die Zeichnungen sehr altmodisch, retro aussehen. Kein Vergleich zu anderen Animationsfilmen unserer Zeit. Ansonsten dünkt mich, dass nicht sehr viel Inhalt, Story, vorhanden ist, abgesehen von der Together-Moral. Ich habe mich über weite Teile eher gelangweilt, auch wenn es natürlich einen gewissen Jö-Effekt hat, was die Bilder in Kombination mit den Katzenlauten (welche von der Katze des Tontechnikers stammen) ausströmen.
Die IMDb-Bewertungen der Community und von mir:

Wenn der Film ein Drink wäre, dann ein Session IPA mit Himbeersirup und Katzenminze …
Film 26 – Corso 4 – 15.30 Uhr: Stealing Giants

Dieser Dokumentarfilm war für mich das Highlight des Tages! Ein absolut starkes Stück, was Karl Ammann und Laurin Merz hier abliefern. Es geht um den illegalen Handel mit Elefanten. Leider ist auch das primär, wie praktisch alles auf diesem Planeten in unserer Zeit, ein Geschäft. Es sind aberwitzige, absurde Szenen, welche die institutionelle Korruption illustrieren und welche viel zu oft als völlig normales, akzeptiertes Gebahren Platz in unserer Gesellschaft eingenommen haben.

Die Filmemacher erwähnen die ausgeprägten Charaktere und Persönlichkeiten der Elefanten, ihr Sozialleben, das durch den perversen Handel mit den sanften Riesen konterkariert wird. Laurin Merz (Produzent, Regie, Kamera) war im Kino Corso vor Ort und erzählte uns ca. 20 Minuten lang von der Entstehung und den Hintergründen des Films:
Unbedingter Anseh-Tipp! Die IMDb-Bewertung von mir, da sonst noch niemand in der Community eine Bewertung abgegeben hat:

Wenn der Film ein Drink wäre, dann ein Banana Daiquiri. Ah ja, da war ja mal was beim Wermutwolf mit Elefanten …
Film 27 – Corso 1 – 18.00 Uhr: Conclave

Ach ja … Auch das hätte ein guter Film sein können … Und natürlich wird er gelobt und gepriesen und ja, Ralph Fiennes ist ein toller Schauspieler, keine Frage. Die Romanverfilmung von Robert Harris ist quasi die Konklave als satirisch überhöhter Intrigantenstadl und erneutes Woke-Propaganda-Vehikel. Mit nur alten weissen Männern ist heutzutage kein Vatikanstaat, äh Film mehr zu machen.

Mir wäre ein Drehbuch fern der modernen Woke-Vorschriften lieber gewesen, da hätte man einen glaubhafteren Religion-Thriller abliefern können, aber es ist, wie es ist … Der Applaus ist dem Film des Deutschen Edward Berger («Im Westen nichts Neues») gewiss.
Wenn der Film ein Drink wäre, dann wäre er das Blut Christi, also Rotwein, ein Wunder, vielleicht ein Tessiner Merlot?
Die IMDb-Bewertung der Community und von mir:

Film 28 – Kongresshaus – 21.00 Uhr: The Apprentice

Der Trump-Film … Man weiss also, was einen erwartet … Der Regisseur, Sebastian Stan (Trump) und Maria Bakalova (Ivana Trump) sind vor Ort und erzählen uns, wie es war, diesen Film zu drehen. Den iranischen Regisseur Ali Abbasi kenne und schätze ich für sein Werk «Holy Spider», über einen religiösen Spinner und Serienmörder. Und in der ersten furios-unterhaltsamen Hälfte von «The Apprentice», in der gezeigt wird, wie der eiskalte Anwalt Roy Cohn (Jeremy Strong) die Karriere von DJT anstösst, ist klar erkennbar, wie talentiert Ali ist, wie viel cineastisches Potenzial in ihm steckt. Wie Jeffrey Epstein besass auch Roy Cohn eine eindrückliche Sammlung an Dokumenten, mit denen er diverse Amtsträger unter Druck setzen konnte.

Umso enttäuschender ist, wie eindimensional und geframet die zweite Hälfte ausfällt, wo man dem üblichen «Versuchen wir zu zeigen, dass Donald der schlimmste Mensch seit Hitler ist» frönt. Nicht, dass man mich falsch versteht. Wenn ich Amerikaner wäre, könnte ich unmöglich einem der beiden Präsidentschaftskandidaten meine Stimme, meine Legitimation geben. Diese Auswahl ist keine, und es lässt tief blicken, dass man in den Staaten nicht willens ist, jemand Wählbaren aufzustellen. Und ich frage mich ernsthaft, was passieren würde, wenn die US-Bürger ihre Traumtänzerei, für das vermeintliche «kleinere Übel» zu stimmen, ablegen würden, womit die Wahlbeteiligung vermutlich auf ein Level sinken würde, wo niemand mehr von einer legitimen Wahl sprechen könnte.

Der eloquente Ali erzählte mehrfach, dass sein Film kein Hit Piece sei, aber mit Verlaub, wenn etwas nach Hit Piece ausschaut, wie ein Hit Piece klingt und abläuft wie ein Hit Piece, tja, dann ist es höchstwahrscheinlich ein Hit Piece … Und erneut, wie leider viel zu oft an diesem Festival, muss ich konstatieren, dass Ideologien Kunstwerke kaputt machen. Selbst wenn man hier nicht meiner Meinung ist, sollte man sich doch die Frage stellen: Ist in der zweiten Hälfte des Films irgendetwas Subtiles auszumachen? Es hätte ein tolles Erzählstück über die Funktionsweisen der Macht werden können. Man begnügte sich leider dann doch wieder mit einem simplen Schmierenstück.
Schauspielerisch sind die beiden Hauptdarsteller ganz grosse Klasse. Für mich ist Jeremy Strong als gewissenloser Machtmensch Roy Cohn eine Sensation! Vor allem seine Augen, sein Blick, seine Mimik, Körperhaltung, spricht Bände. Seine Performance hat den Film gerettet.
Jedenfalls bin ich gespannt auf das Gespräch von Trump mit Joe Rogan. Als riesiger Rogan-Fan bin ich vor allem erpicht darauf zu sehen, inwiefern er Trump argumentativ Paroli bieten wird. Kürzlich haben sich die beiden ja auf Twitter/X gefetzt. Bis jetzt hatte Joe immer gesagt, dass er Trump nicht einladen wolle, weil er angesichts seiner enormen Reichweite nicht daran schuld sein will, falls dieser im Podcast gut wegkommt und so die Wahl zu seinen Gunsten entscheiden kann. Hat er seine Meinung gewechselt, weil Kennedy und Musk jetzt im Trump-Lager sind?
Die IMDb-Bewertung der Community und von mir:

Wenn der Film ein Drink wäre, dann wäre er ein Paloma. Roy Cohn, der schon mit Senator McCarthy auf Kommunistenjagd ging, bestellt einen im Film, und irgendwie passte das perfekt. Hedonistisch, bringt einen in Schwung.
Die heute verlinkte, elf Jahre alte Master Class ist die mit Harvey Weinstein, einer anderen der meistgehassten Personen, dem Knasti, Triebtäter und Ex-Produzenten:
Und auch der Buchausschnitt porträtiert diese ZFF Masters-Aufnahme:












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