Heute war der Actors Talk mit Iris Berben angesagt, gefolgt von drei Filmen, in die ich erneut zu hohe Erwartungen gesetzt hatte. Es sind nur noch zwei Festivaltage übrig. Danach werde ich – nachdem ich viel Schlaf nachgeholt habe – eine Art Debriefing schreiben, wie es denn so war in der Gesamtschau. Leider bin ich schon jetzt zum Fazit gelangt, dass man dieses Jahr massenhaft Durchschnittsware serviert bekam.
Ich kenne mich im deutschen Film nicht sonderlich gut aus. Aber zum Gespräch mit Iris Berben ging ich trotzdem gerne hin, ohne so recht zu wissen, weshalb. Vermutlich wegen des letztjährigen Hits «Triangle Of Sadness», in dem sie eine Nebenrolle hatte und der nicht nur am ZFF begeisterte, sondern auch Cannes-Gewinner wurde, sowie für drei Oscars in Königskategorien nominiert war.

Oder es war wegen meiner extrem vagen Teenager-Erinnerungen an die frühere Comedy-Sketch-Serie mit Dieter Krebs, «Sketchup». Auf dieser Plattform sollen ja Wermutwölfe auf die Kosten kommen, also verlinken wir ein Best-of der Kneipen-Sketche:
Frau Berben meinte, dass man «Sketchup» heute vermutlich nicht mehr machen könnte, so von wegen Political Correctness. Sie hätten sich ja über alle und alles lustig gemacht, und ständig seien massenhaft Beschwerdebriefe von beleidigten Leberwürsten im Sender eingegangen.
Original-Zitat von heute, Iris Berben: «Die Kunst muss es uns erlauben, über die Stränge zu schlagen. Man kann ja darüber diskutieren, was geht und was nicht, aber man kann sich nicht schon im vorne herein zensieren, das ist nicht das Leben. Das Leben ist nicht so eingetütet und so woke, wie wir es gerne hätten. Und deshalb muss man es zulassen.» Auch dass sie nicht gendert, weil sie Sprache liebe und viel mit Sprache zu tun habe, gefiel mir.

Natürlich wurde von der «Bunte» immer wieder die Schönheit und die Erotik der Berben herausgearbeitet. Dass sie auch ganz anders kann, ist zum Beispiel in der kürzlich auf Disney+ erschienenen Serie «Deutsches Haus» zu sehen:
Der Zweite Weltkrieg ist ja im diesjährigen ZFF omnipräsent, auch der letzte Film vom heutigen neunten Festivaltag handelte davon. Iris Berben wurde 1950, also kurz nach dem Krieg, geboren und spricht in dieser Szene einen wunden Punkt an, was nicht nur für Deutschland und den Zweiten Weltkrieg, sondern generell bei all den Gräueln zutrifft, die jederzeit rund um den Globus ausgeführt werden: Nachher hat natürlich niemand etwas davon gewusst und alle wären natürlich Schindler gewesen und nicht Himmler … Und niemand wollte darüber sprechen …

Dieses Schauspielerinnen-Gespräch machte Laune, sie wirkte authentisch, energetisch und zur Selbstironie fähig, zum Beispiel als sie zugibt, für dieses mit 74 Jahren noch immer attraktiven und jung wirkenden Aussehen anderthalb Stunden vor dem Spiegel verbracht zu haben – die Haare nicht mitgerechnet.
Politisch ist die gute Dame schon immer sehr aktiv und lautstark gewesen. Ihre diesbezüglichen Aussagen fand ich hingegen nicht immer stringent, beispielsweise, wenn sie findet, dass man im Israel-Palästina-Konflikt die jeweiligen Dinge nicht vermischen soll, wobei ich aber finde, dass man das unbedingt machen sollte, da es für mich jedenfalls ganz unzweifelhaft verschiedene Teile des gleichen grossen Ganzen sind, welche miteinander interagieren. Also u. a. die Hamas-Attacken und die militärische Reaktion des israelischen Staates. Aber egal, sie war schon immer sehr verbunden mit Israel und wie Ricky Gervais weiss, sollten sich Schauspieler vielleicht auch nicht immer so sehr über Politik äussern …
Ich freue mich jedenfalls schon auf den Film, den sie nach Zürich mitgebracht hat, der Abschlussteil der «Vornamen»-Trilogie – «Der Spitzname»:
Film 22 – Frame 1 – 15.30 Uhr: One to One: John & Yoko

Als ewiger, grosser John Lennon-Fan war die Aufführung dieses Doku-Films gesetzt. Die Konzertaufnahmen darin stammen vom einzigen Lang-Konzert, das John nach der Auflösung der Beatles bis zu seinem Tod gegeben hat, zugunsten eines beschämend grusligen Heims für behinderte Kinder. Nachdem John und Yoko am Fernseher die Aufnahmen des Instituts gesehen hatten, wussten sie, dass sie etwas unternehmen müssen.
Unter anderem produziert von Brad Pitt, wurde der Film von niemand Geringerem als Kevin Macdonald inszeniert, der im Jahr 2000 den Dokumentarfilm-Oscar für Ein Tag im September erhalten hatte, was ja wieder passt, da ich vor zwei Tagen am Festival den Film September 5 über dasselbe Thema gesehen hatte. Kevin ist auch für seine Spielfilme berühmt, u. a. Der Mauretanier, State of Play, Der letzte König von Schottland, und so weiter. Und dieser Hollywood-Star stellte seinen neuen Film heute im Kino Frame auch gleich persönlich vor:
Der Film dreht sich um die Zeit Anfang der 70er, als John & Yoko von London nach New York umzogen. Man bekommt viele Interviews zu sehen, kann bei Telefongesprächen Mäuschen spielen und sieht, was in Amerika zu dieser Zeit los war; ein Zeitdokument.
Und natürlich ist für uns Wermutwölfe John auch immer ein wichtiger Teil des berüchtigten Trinkklubs The Hollywood Vampires, über die wir berichteten.

Es war berührend, wieder einmal in diese Ära einzutauchen und beeindruckend, die aktivistische Energie der beiden Protagonisten zu sehen. Anseh-Tipp. Der einzige von heute …
Die IMDb-Bewertungen der Community und von mir:

Im Anschluss galt es, zum Kongresshaus zu dislozieren. Dort blieb mir ein wenig Zeit für einen Cocktail. Ich ging gleich neben dem Kongresshaus in die Barfly’z-Bar und gönnte mir einen Mandarinen-Negroni:


Und dann ging es also rein ins Kongresshaus. Das ist ja ein schönes Gebäude und auf der Terrasse hat man eine tolle Aussicht, doch die Stühle sind hart und eng, kein Vergleich mit einem richtigen, weichen, geräumigen Kinosessel …

Film 23 – Kongresshaus – 18.30 Uhr: The Order

Jude Law spielt einen FBI-Typen, der rechtsradikalen Gangstern auf die Pelle rückt. Ein solider Thriller, aber halt etwas, was ich gefühlt schon tausendmal gesehen habe. Und ja, Neonazis hats auch in den 80ern schon gegeben, und auch noch früher schon, und auch heute und auch morgen. Ja, Jude spielt natürlich gut, aber ich frage mich, weshalb man unbedingt schon wieder so einen Thriller nach Schema 08/15 aus den Kameras ausscheiden musste.
Die IMDb-Bewertungen von mir und der Community:

Dieser Film war um 20.30 Uhr im Kongresshaus zu Ende. Keine 20 Minuten später sass ich im Sihlcity-Kino, noch bevor die Lichter ausgingen und ich mit dem Handy-Licht meinen Platz hätte suchen müssen. Und das ging ungefähr so:
Film 24 – Arena 3 – 20.45 Uhr: Blitz

Und auch in diesem Apple TV+-Streifen kommt wieder das Rassismus-Thema und auch erneut das Zweiter-Weltkrieg-Thema. Saoirse Ronan spielt eine englische Mutter, die ihren Sohn wegen der Flugzeug-Bombardierungen der Nazis mit anderen Kindern zusammen aus der Stadt schaffen will. Dieser spielt aber nicht mit, springt kurzerhand aus dem Zug und versucht zurück zur Mutter zu gelangen.

Trotz den gekonnt inszenierten Bombardementszenen fieberte ich nie so sehr mit den Darstellern mit wie bspw. kürzlich bei Kate Winslets Weltkriegsdrama «Lee». Auch hier kann ich nur sagen: Ja, nicht schlecht gemacht, aber an diesem Festival scheint es einfach keine Knüller wie letztes Jahr mit «Triangle of Sadness» zu haben, und auch keine wirklichen Entdeckungen wie letztes Jahr «The Zone of Interest» oder «Sleep» welche waren. Schade.
Die IMDb-Bewertungen der Community und von mir:

Die heutige Master Class-Verlinkung ist die zum Gespräch im Jahr 2008 mit dem Star, der das Festival auf das nächste Level hieven würde, Sylvester Stallone:
Und vom Buch wählen wir gleich auch daraus einen Ausschnitt auf Deutsch:












Kommentar verfassen