In der Branche ist es bekannt: Schillernde Geschichten steigern die Verkäufe, was der Industrie in der heutigen, zunehmend trockenen Zeit wohl nicht schadet. Aber erstens ist die Margarita ohnehin der global bekannteste und beliebteste Cocktail und zweitens interessieren uns natürlich trotzdem die – ähm – nüchternen Fakten …
Kürzlich war es wieder soweit: Am Sonntag, 22. Februar 2026 wurde in den USA wieder «National Margarita-Day» gefeiert. Beim Kona Grill (überall im Land verteilt) wurde ihr Signature Margarita für schlappe 6 Dollars ausgeschenkt (umgerechnet um die 4 Franken und 65 Rappen …) und in Duluth wurden sogar gratis Margarita-Proben abgegeben, während man nebenbei noch Salsa tanzen lernen konnte. Von Ost- bis Westküste fanden solche Aktionen statt. In den USA ist etwa jeder zweite bestellte Cocktail eine Margarita oder Margarita-inspiriert. Und Margaritas gibt es in allen nur erdenklichen Variationen, sogar mit Buttermilch …

Die Margarita besteht original aus nur drei Zutaten: Tequila, Limette und Orangenlikör. Ich selbst mixte mir über diesen Marketing-Feiertag verteilt drei verschiedene Margarita-Variationen und genoss diese zum Teil während des spektakulären olympischen Eishockey-Finalspiels, welches die USA gegen Kanada in der Verlängerung gewinnen konnte und somit erstmals seit 1980 diese Trophäe holte. Sieger-Trainer Mike Sullivan (New York Rangers, mit über 6 Millionen Dollars pro Jahr bestverdienender Coach der NHL, was im Big Apple allerdings auch nicht mehr viel nutzt …) meinte nach dem Spiel über sein Gold-Kader:
«Das Team wurde aus Persönlichkeiten zusammengestellt … Es gibt Whiskey-Trinker und Milch-Trinker, und wir hatten eine Menge Whiskey-Trinker.»
Doch zurück zu Tequila und Margarita. Alle Zahlen und Erzählungen beziehen sich natürlich auf das Gebiet von Mexiko/USA. Die Entstehungsgeschichten von diversen klassischen Cocktails wie dem Sazerac oder dem French 75 sind relativ gut dokumentiert und ergeben Sinn, sind glaubwürdig. Bei der Margarita hingegen fliegen einem die glamourösen Marketing-Storys und sympathischen Frauengeschichten nur so um die Ohren. Eine der bekanntesten dieser Münchhausen-Narrative (1938) dreht sich um Carlos «Danny» Herrera, der angeblich die erste Margarita für eine Tänzerin kreierte, die auf alle Schnäpse allergisch war – ausser Tequila … aber klar doch …
1945 gab es von José Cuervo eine Werbekampagne für seinen Tequila mit dem Slogan «Margarita: Es ist mehr als ein Mädchenname». 1948 behauptete Margarita Sames aus Dallas, dass sie an einer Party in ihrem Feriendomizil in Acapulco den Drink für ihre Gäste erschaffen hatte. Tommy Hilton aus der gleichnamigen Hotel-Dynastie hätte den Cocktail dann zurück in die USA und auf die Karten seiner Hotel-Bars gebracht. Sogar eine Entstehungsversion mit der tollen Jazz-Sängerin Peggy Lee existiert, in der sie in Texas einen Tequila-Drink bestellte, «ohne eine Menge Schnickschnack drin».

Dann gibt es ferner eine weitere Story, die sich um ein Showgirl in Guadalajara namens Margarita De La Rosa und eine andere, welche sich um die berühmte Schauspielerin Rita Hayworth dreht. 1936 sei das Rezept ausserdem in einer Zeitung in Iowa erschienen. Ab 1953, dank des US-Magazins «Esquire», welches das erste gedruckte Margarita-Rezept mit diesem Namen veröffentlichte, fand dann jedenfalls der kontinuierliche Siegeszug des Drinks statt, der stark von der Ausstrahlung eines südlichen Strandurlaubs profitiert. Und der entspannten Haltung, dass irgendwo auf der Welt schon fünf Uhr Abends ist, ihr wisst schon …
Zum wahren Kern stossen wir schon viel mehr bei der Geschichte um Bartender Henry Madden, der in Mexiko 1936 einen Drink ausgab, der «Tequila Daisy» hiess, denn Margarita heisst Gänseblümchen, was auf Englisch übersetzt Daisy ist, und ein Daisy-Cocktail (seit dem viktorianischen Zeitalter existent) ist eben genau das – eine Spirituose, Sirup (resp. Süsse via Likör) und Zitrussaft. Madden behauptete, er habe den Drink erfunden, als er aus Versehen zu einer Tequila- anstatt Brandy-Flasche griff. Auch solche Storytwists sind hochgradig unrealistisch. Jedenfalls erschien 1930 von G.F. Steele «My New Cocktailbook», in dem bereits ein Tequila Daisy erwähnt wurde.

1971 fand in Texas schliesslich die Erfindung der Frozen Margarita-Maschine statt – ein Meilenstein angesichts der Tatsache, dass aktuell ungefähr zwei Drittel der US-Amerikaner Frozen Margaritas bevorzugen. Restaurant-Besitzer Mariano Martinez suchte nach einem Weg, seine nicht sonderlich begehrten Margaritas zu verbessern, zu vereinheitlichen, als er die Slurpee-Maschinen von 7-Eleven sah. Der Rest war, nach einigen Verbesserungen bei der Kühlung, wie man so schön sagt, Geschichte. Heutzutage gibt es schon äusserst günstige entsprechende Maschinen zu kaufen, wie zum Beispiel diese hier (bitte keine Ressentiments wenn der Aktionspreis irgendwann abgelaufen ist, am 26.2.2026 kostete sie noch 200 anstatt 350 Franken). Der globale Markt für Margarita-Maschinen beträgt über 700 Millionen Franken, Tendenz weiter steigend.

Tequila wurde nach Ende der Prohibition 1933 in den USA langsam verbreitet. Anfänglich besass der Agavenschnaps aber einen schlechten Ruf. Zu «funky» wie Kollege Sascha zu sagen pflegt. Deshalb war Tequila in amerikanischen Bars während all der legendären Entstehungsmythen höchstens eine Randerscheinung. Um schlechten Hochprozentigen trinkbarer zu machen, helfen bekanntlich seit jeher Cocktail-Zutaten wie Zucker oder Fruchtsäfte. Und diese Technik wurde in der ganzen Bar-Welt angewendet und weiterentwickelt. Die Margarita-Entstehung jemand Spezifischem aufzuschwurbeln, ist insofern eine extrem wacklige These.

Der aufkommende US-Tourismus nach Mexiko ab Ende der 40er, Anfang 50er-Jahre, liess den Cocktail sicherlich erst dann zu etwas werden, was an Bekanntheit zulegte. Die Amerikaner mochten die Agaven-Spirituose jedoch noch nicht wirklich. Also war der logische nächste Schritt, damit einen Cocktail zu mixen, der bei dieser immer wichtigeren Zielgruppe gut ankam. Die altbewährte Daisy-Methode: Schnaps, Süssungsmittel, Zitrusfrüchte. Womit auch der Name – wie der gesamte Cocktail – organisch entstand, nicht an einem bestimmten Ort, sondern aus Notwendigkeiten. Die Zugabe von Salz ergab ebenfalls Sinn, da auch Salz Distillerie-Fehler zu verbergen vermag.

Natürlich ist dieses nüchterne Fazit weniger spassig als die vielen tollen Entstehungsmythen, welche wie all die fancy Barkeeper-Akrobatik, Dekorationen, Feuerspiele und so weiter den alkoholischen Konsum zu einer Festivität, einem Ritual erhöhen. Und ich finde, man kann mit beidem leben. Ich weiss gerne Bescheid über die Welt der alkoholischen Getränke, doch ich geniesse durchaus auch das Marketing-Theater, das Drumherum.

Bezüglich Margaritas wurde das nun gerade von keinem Geringeren als Wermutwolf-Promi(lle)-Star Matthew McConnaughey zum National Margarita Day hin in Szene gesetzt. Das Kreuzfahrtschiff «Regal Princess» wurde nicht mit einer Flasche Champagner, sondern mit McConnaughey’s (Reposado-)Bio-Tequila «Pantalones» getauft und an Bord wurde vom «Guinness Buch der Rekorde» der Meilenstein dokumentiert, wie innert acht Stunden 3410 Margaritas getrunken wurden, was 682 mehr als der bisherige Rekord sind. Vergangenes Jahr verkaufte die Princess-Schiffflotte über eine Million dieses Signature 24k-Margaritas (neben Blanco-Pantalones und Cointreau ist auch noch Grand Marnier mit drin).

Schliessen wir mit McConnaughey, der Pantalones mit seiner Frau im Oktober 2023 auf den Markt brachte: «Die Idee hinter Pantalones war einfach, Spass zu haben, es einem gut gehen zu lassen und das Leben nicht zu ernst zu nehmen.» Cheers to that!











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