Wie wird aus einem Alltagschampagner ein Trunk für Betuchte? Er versinkt beim Transport in den Untiefen des Meeres und taucht Jahrzehnte später wieder auf – dann kann eine einzelne Flasche Preise von bis zu 275 000 US-Dollar erzielen. So geschehen beim Heidsieck 1907.
Dass sich die Russen gerne ein Tröpfchen genehmigen, ist allgemein bekannt. Deshalb liess es sich das russische Kaiserreich nicht nehmen, in den Wirren des Ersten Weltkriegs den schwedischen Frachter Jönköping zu chartern, der rund 3000 Flaschen Champagner, Cognac und Wein nach St. Petersburg bringen sollte.
Allerdings spielte ein deutsches U-Boot den Spassverderber. Die U 22 stoppte im November 1916 die Jönköping vor der finnischen Küste. Anscheinend war deren Besatzung dem Alkohol abgeneigt. Statt das wertvolle Gut selbst zu konsumieren, versenkte sie den Frachter kurzerhand. Die Ladung beinhalte kriegsrelevante Güter, so die Begründung, da auch Stahl für Eisenbahnschienen an Bord war. Zumindest durfte die Crew der Jönköping ihr Schiff auf Rettungsbooten verlassen.
Schnitt: 1997 – ganze 81 Jahre später – entdecken schwedische Taucher um den Meeresforscher und Bergungsexperten Peter Lindberg das Wrack der Jönköping. Es konnten über 2000 Flaschen Champagner geborgen werden, davon war ein grosser Teil Heidsieck 1907, ein süsser Alltagschampagner.

Das eigentliche Wunder war jedoch, dass der Champagner nicht nur gefunden wurde, sondern noch immer trinkbar war, denn er lagerte die ganzen Jahrzehnte unter perfekten Bedingungen: in 64 Metern Tiefe, bei 4 Grad Celsius, kaum Sauerstoff und völliger Dunkelheit. Der Wasserdruck hielt dem Innendruck entgegen, sodass sich die Korken nicht lösen konnten.

Der Heidsieck 1907 ist kein Dom Pérignon, Louis Roederer oder Krug, sondern ein Alltagschampagner. Sein Stil: «Goût Américain», eine deutlich süssere Variante des Champagners, angepasst an Exportmärkte. Dazu passen auch die Tastingnotizen des The Champagne Club, der eine Flasche degustiert hat: «Die Farbe ist unglaublich hell und der gesamte Wein verhält sich, als stamme er aus den Siebzigern. Der Duft wird von Apfel und Banane dominiert. Hier gibt es jedoch eine tiefere Geschmacksebene mit Anklängen von Petroleum und Teer. Die Süsse wirkt nicht so ausgeprägt, wie sie tatsächlich ist, und der Wein ist sehr genussvoll. Der Wein hat in letzter Zeit stark an Qualität eingebüsst. Der grösste Teil des Vergnügens liegt natürlich in der intellektuellen und emotionalen Auseinandersetzung mit der Geschichte.»

Wer Geld hat, hat aber nicht zwangsläufig Geschmack. Seine Geschichte und sein Alter machten den Heidsieck vom «Normalo» zur Legende. Ging er in Auktionshäusern anfangs noch für «moderate» 4000 US-Dollar unter den Hammer, wurden später Fantasiepreise von bis zu 275 000 US-Dollar bezahlt.











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