ZFF – Tag 8 – 10.10.2024

Heute standen drei Filme auf dem Programm. Eine chinesische Doku, ein Schweizer Film über einen tragischen Fall in St. Gallen vor 120 Jahren, und am Schluss ein toller Indie-Roadtrip. Mittlerweile fühlt es sich fast schon normal an, den ganzen Tag im Kino zu verbringen, all diese interessanten Narrative zu verschlingen und verdauen …

Film 19 – Piccadilly 1 – 15.30 Uhr: Mistress Dispeller

Die Mätressen-Vertreiberin

Und das Narrativ dieses Dokumentarfilms, welcher im Wettbewerb läuft, war äusserst spannend, interessant. Der Film hingegen eher so mittelprächtig, es fühlte sich oft etwas künstlich an. Ich weiss nicht, ob das an der fremden Kultur oder am Projekt des Films liegt. Es geht um einen ziemlich neuen Beruf in China. Die ZFF-Seite enthüllt dazu: «Die zunehmende Untreue in Chinas Ehen hat einen aussergewöhnlichen Beruf hervorgebracht: Das Ziel der «Mistress Dispeller» ist es, zerrüttete Ehen wieder zu kitten. Menschen wie Wang Zhenxi beenden Affären und vertreiben Geliebte. Von einer älteren Ehefrau erhält sie den Auftrag, die junge Geliebte ihres Mannes zu vertreiben und so ihre scheinbare Vorzeigeehe zu retten.»

Die Geliebte

Vor den Vorführungen wird immer anmoderiert. Und da hiess es, dass wirklich nichts gescripted sei und es eine Weile gedauert habe, bis sich Beteiligte in solch einer Dramasituation habe finden lassen, die sowohl zu Beginn als auch nachher einverstanden waren, dass das gefilmt und gezeigt werden darf.

Die gehörnte Ehefrau tut einem leid. Sie wirkt zwar stark, energetisch (auch beim Badmington!), doch natürlich auch verzweifelt. Die Geliebte lässt durchblicken, dass sie von ihrer Disposition her lieber vergebene Männer hat. Und der Ehemann, nun, ist halt ein klassischer Ehemann, der nach Jahrzehnten mit der gleichen Frau zu einer jungen, attraktiven Frau nicht nein sagen konnte, respektive genauer, wahrer: nicht nein sagen wollte.

Die Geliebte-Vertreiberin habe alle Hände voll zu tun, wurde in der Anmoderation mitgeteilt. Sie habe pro Jahr circa 800 solche Aufträge. Es gibt im Film durchaus interessante Dialoge, und einige existentielle Fragen werden aufgeworfen. Der grosse Wurf ist es aber nicht, denn eben, es fühlt sich halt trotzdem oft ein wenig artifiziell an.

Die IMDb-Bewertungen der Community und mir:


Film 20 – Le Paris – 18.00 Uhr: Friedas Fall

Frieda, vor dem Mord

Der Fall ereignete sich 1904. Als die Polizei bei Frieda an der Haustüre erscheint, um ihr mitzuteilen, dass ihr Sohn tot im Wald verscharrt gefunden wurde, sagt sie es gleich frei heraus: «Ja, das war ich.» Im Laufe des Films – nach einer wahren Begebenheit – erfahren wir, wie es zu dieser Verzweiflungstat gekommen ist. Und ja, am Schluss kann man viel Verständnis für Friedas Tat aufbringen, doch bleibt es trotzdem Mord an ihrem Sohn, einem fünfjährigen Kind.

Knast

Es ist ein aus moderner Warte heraus fast unlösbarer Konflikt, in den man hineinbugsiert wird, denn es war eine völlig andere Zeit. In der Schweiz gab es noch die Todesstrafe. Wenn eine Frau ein Kind hatte, aber keinen Ehemann, dann hatte man einen sehr schweren Stand, gelinde gesagt. Und doch frage ich mich bis jetzt, ob es nicht doch irgendeine Lösung für das Kind hätte geben können, und selbst wenn das hiesse, einfach zusammen wegzulaufen. Aber eben, ich kann gut reden, und eine Verzweiflungstat rationalisieren zu wollen, ist vielleicht auch nicht so zielführend …

Der Prozess

Abgesehen von der Hauptgeschichte zeigt Regisseurin Maria Brendle, die im Kino anwesend war, einen Ostschweizer Ort voller Neurosen und Unzulänglichkeiten, in dem es schwierig zu leben war, wenn man nicht den Normen entsprach. Neurosen und Unzulänglichkeiten haben wir heutzutage vermutlich nicht weniger, doch es lebt sich damit wohl einiges einfacher, entspannter, weil genormter, gesellschaftlich akzeptierter.

Bevor ich einen Schweizer Film sehe, habe ich immer etwas Bammel, denn leider war es in der Vergangenheit allzu oft ein Reinfall. Klassisch sind hierbei primär hölzerne Darsteller sowie eine hölzerne Inszenierung. Da Friedas Fall in einer Zeit mit mehr hölzernen Gepflogenheiten spielt, würde es einem vermutlich nicht gross auffallen, wenn es davon etwas im Film hätte. Handwerklich solide gemacht, überzeugt der Film inhaltlich mit einem entlarvenden Kriminalfall und einem interessanten Gesellschaftsporträt, das nachhallt. Der Film kommt Ende Januar 2025 in die Kinos.

Die IMDb-Bewertung von mir alleine, da es bisher keine anderen aus der Community gibt:


Film 21 – Arena 4 – 20.45 Uhr: A Real Pain

Die beiden Hauptdarsteller, die im Film jüdisch-polnisch-amerikanische Cousins auf einer Tour zu ihrer Vergangenheit spielen

Die Dramödie von und mit Jesse Eisenberg folgt David und Benji auf ihrem Roadtrip nach Polen, um zu sehen, wo ihre kürzlich verstorbene Grossmutter gelebt hatte, ihre Beziehung zueinander zu kitten, ihre jüdischen Wurzeln zu erforschen und verschiedene schwelende Konflikte auszufechten. Im Haus, in dem im Film ihre Grossmutter lebte, hatten tatsächlich Jesses Vorfahren während der Diaspora gelebt.

Auch Jennifer «Dirty Dancing» Grey spielt jemanden aus der Tour-Gruppe

Während Benji eher einmal zu viel als zu selten sagt, was er gerade denkt, was ihn gerade bewegt, betäubt David seine tiefergehenden Emotionen mit Pillen. Nach Kate Winslets Film «Lee», landete ich hier nun zum zweiten Mal in drei Tagen bei KZ-Aufnahmen. Hier, wie der Tour-Guide erwähnt, geografisch nah zu auch dazumal schon nahe gelegenen, belebten Bevölkerungszentren, wurde erstmals der Ort für Dreharbeiten zu einem Spielfilm freigegeben.

Benji bringt sehr viel Leben in die Bude, Kieran Culkins Rolle zeichnet für die meisten Comedy-Einlagen verantwortlich. Und doch ist es vor allem seinen «wahren Schmerz», seine innewohnende Melancholie, die den Film trägt. Und Kieran macht das so gut, dass eine Oscar-Nomination zu erwarten ist. Der Film startet eine Woche vor «Friedas Fall» in den Deutschschweizer Kinos, also auch im kommenden Januar. Anseh-Tipp!

Hier die IMDb-Bewertungen der Community und mir:

PS: Gestern staunte ich nicht schlecht, als ich mir im Corso ein Bier bestellte und man mir mitteilte, dass sie es in Becher umfüllen müssen, dass keine Flaschen mehr ausgegeben werden. Ich sagte, dass ich das Bier bisher aber immer in Flaschenform erhalten hatte, wieso denn das jetzt nicht mehr gemacht werde. Antwort: «Ah ja, das sei jetzt nur während dem ZFF so.» Okee … Und wieder eine blöde Idee. Ich empfehle dem ZFF, einfach weniger Meetings durchzuführen. Denn genau solcher Blödsinn entsteht, wenn Leute zu viel Zeit haben und sich in Meetings bemerkbar machen möchten … Natürlich ist das nur eine Verschwörungstheorie … Der Vorteil der Bierflaschen mit Bügelverschluss ist, dass man das Bier immer wieder verschliessen und hinstellen kann. Wenn es dann umfallen sollte, kein Problem, es ist ja verschlossen. So hingegen musste ich den Becher die ganze Zeit in den Händen halten, in einem Kino, wo man eh keinen Platz hat und es keine Getränkehalter gibt. Grossartig … Aber das ist natürlich schon verständlich, denn Zürich ist ja wie die Bronx, und vermutlich gab es ständig Leute, die bei schlechten Filmen dann die Flaschen nach vorne geworfen haben … *Ironie off*. Jedenfalls war ich heute dann auch wieder zurück im geräumig-gemütlichen Arena-Kino und dort gab man mir ohne Federlesens die Bier-Bügel-Flasche raus, die ich dann bequem in den Flaschenhalter stellen konnte. Ich weiss jedenfalls, wo ich nach dem Festival mehr hingehen werde als anderswo, um Filme zu schauen …

Die heutige Verlinkung ist ein Gespräch am ZFF 2015 mit Arnold Schwarzenegger, in englischer Sprache:

Auf Deutsch einen Ausschnitt davon aus dem Buch:

Autor

  • Wermutwolf Daniel Frey

    Ich habe Freude am Schreiben. Und am Trinken. Und am Schreiben, während ich trinke. Während des Vollmondes oder während des Trinkens verwandle ich mich in meine wölfische Urnatur.

    Alle Beiträge ansehen
Suche

Wir sind auch sozial

Hesch mer en Stutz?
Werwolf, der um eine Spende bittet

Die traditionelle Medienbranche ist nicht tot, riecht aber schon komisch. Darum machen wir es ganz anders. Wenn Euch unsere Website gefällt und Ihr uns unterstützen wollt, sind wir schon um einen einzigen Franken dankbar. Wir können allerdings nicht versprechen, dass wir ihn nicht für Alkohol ausgeben werden …

Banküberweisung:

IBAN CH05 0900 0000 1611 2200 3

Via twint an:

076 412 27 84


Themen

Absinthe Agaven Alkohol Bier Bourbon Chartreuse Cocktail Cognac Diät Entdeckungsreise Event Filme Filmfestival Geschichte Gin Heul doch IPA Jäger des verlorenen Schnapses Kirsch Likör Mexiko Mezcal Mission Bier-Rettung News Rezept Rezepte Rum Schlefaz Schweiz Tasting Tequila Tiere Trinkgeschichten Trinkspiel Weekend-Briefing Wein Wermut Whiskey Whisky Wissen Wodka Wolfsprobe Zaubertrank ZFF Zürich


Neu Veröffentlicht

Das hört der Wermutwolf

Abonniere unsere Beiträge

Oder per RSS-Feed: https://wermutwolf.ch/feed/


Wahre Worte

«Zu viel kann man wohl trinken, doch nie trinkt man genug.»

Gotthold Ephraim Lessing

Entdecke mehr von Wermutwolf

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen