John «Mad Jack» Mytton (1796 – 1834) war ein englischer Exzentriker, dessen viele überlieferte Anekdoten derart übertrieben wirken, dass man sie kaum für möglich hält. Mich mit ihm zu befassen, war etwas vom lustigsten, was ich jemals zu alten Überlieferungen in Erfahrung bringen durfte.
Wir hatten in unserer «Trinkgeschichten»-Rubrik ja wahrlich schon extrem schräge Vögel portraitiert. Keith Moon (Musiker) und George Brown (Politiker) gehören da vermutlich zur irrwitzigen Speerspitze, beide ebenfalls Briten. Was ich jedoch von John Mytton zu hören bekam, dürfte wohl sogar das berühmte TV-/Kino-Personal von «Jackass» vor Neid erblassen lassen. Es würde mich nicht erstaunen, wenn Johnny Knoxville seine Geschichten kennen würde …

Mytton verlor seinen Vater bereits mit zwei Jahren. Sein materielles Erbe liess ihn vermeintlich ohne Geldsorgen zurück, als da ein Anwesen im Wert von umgerechnet heutigen ca. acht Millionen britischer Pfund wie auch ein aus Vermietung und Landwirtschaftserträgen jährliches Einkommen von ungefähr heutigen 1,3 Millionen Pfund vorhanden war. Damit lässt sich freilich reichlich Unfug veranstalten. Einige Kostproben:
- Er besass viele Tiere, unter anderem etwa 2000 Hunde (v.a. zur Fuchsjagd, der er seit seinem zehnten Lebensjahr nachging) und auch einen Bären. Eines Tages kam er in Reitmontur auf diesem Bären in den Speisesaal geritten, wo er ein Dinner veranstaltete, was die Anwesenden natürlich sehr erschreckte. Ob beabsichtigt oder nicht, gab er dem Bären die Sporen, was diesem gar nicht gefiel und John darob in sein Bein gebissen hatte.
- Als er wieder einmal wegen zu viel Alkohol einen Schluckauf bekam, wollte er sich davon befreien, indem er sich selbst erschreckte. Er tat dies derart, dass er kurz entschlossen sein Hemd anzündete … Nach viel Geschrei und Panik gelang es einem Gast und Mytton’s Diener, das Feuer zu löschen. Das erste, was er danach sagte: «Bei Gott, der Schluckauf ist weg!» Und ging ins Bett …
- Er setzte sich gerne selbst auf den Fahrersitz seiner Kutschen. Dann probierte er, ob es wohl möglich sei, mitsamt dem Wagen durch Abschrankungen hindurchzubrechen. Natürlich klappte das nicht. Er fragte manchmal seine Passagiere, ob sie schon einmal so schnell gefahren seien, dass die Kutsche gekippt sei. Nach Verneinung meinte er lautstark: «Was, sie sind immer so langsam gefahren?», nahm die Zügel in die Hände und flitzte so schnell darauf los, bis sich das Gefährt überschlagen hat. Es war ihm egal, wenn er sich verletzte, er schien es sogar zu mögen. Mein «Jackass»-Vergleich hinkt insofern ganz und gar nicht …
- 1826 ritt er mit seinem Pferd in das «Bedford Hotel» hinein, die grosse Treppe hinauf zum Balkon und sprang immer noch hoch zu Pferd hinunter, auf das Restaurant, das darunter lag, zum Fenster hinaus in eine Parade – um eine entsprechende Wette zu gewinnen …
- Während der Jagd war er immer sehr leicht angezogen, auch im Winter. Und im Jagdfieber riss er sich oft auch diese wenigen Klamotten noch vom Leib und jagte nackt weiter – selbst im Schneetreiben. Seine liebsten Jagdhunde liess er übrigens mit Steaks und Champagner verköstigen …

Dass «Mad Jack» Kindern Geld gab, wenn diese einen grossen Hügel ganz hinunterrollten, oder seine Stallburschen auf Schlittschuhen auf Rattenjagd schickte, sind schon eher kleinere Auffälligkeiten. Es mag kaum erstaunen, dass er von ziemlich jeder Schule flog, die er besuchte. Einmal bereits nach einem Jahr, weil er sich mit einem Lehrer geprügelt hatte. Ins «Trinity College» in Cambridge trat er zwar mit 2000 Flaschen Portwein ein, gelernt hat er aber auch da kaum etwas. Später versuchte man es mit Privatunterricht, doch auch dann trieb er die Lehrer mit seinen Streichen in den Wahnsinn, zum Beispiel als er einem davon ein Pferd in das Schlafzimmer stellte.

1819 wollte er der Familientradition folgend ins Parlament einziehen. Wie das ein Exzentriker seines Formats tut, bezahlte er jedem, der ihm seine Stimme gab, zehn Pfund. Als er so im Juni gleichen Jahres den Sitz erlangen konnte, hielt er ganze 30 Minuten der ersten Parlamentssitzung durch, dann war ihm das zu langweilig geworden.

Natürlich verprasste der notorische Spieler auch sein Geld mit derselben Exzentrik, weswegen er ins Ausland flüchtete, bei der Rückkehr verhaftet wurde und 1834 im Gefängnis am Delirium des Alkoholentzugs starb – verwirrt und aufgequillt von viel zu viel Brandy.

John wurde mit zwei Ehefrauen Vater von insgesamt sechs Kindern, wovon einige davon jedoch sehr jung gestorben sind. Ich befinde mich mitten in der Lektüre der Biografie «Memoire of the Life of The Late John Mytton, Esq.» seines Freundes Charles James Apperley, der unter seinem Pseudonym «Nimrod» publizierte. Reines literarisches Gold. Mein Herz schlägt für schräge Vögel und «Mad Jack» ist vielleicht der König aller Exzentriker. Ich sage nicht, dass ich so ein Leben führen wollte und natürlich, liebe Kinder: Nicht nachmachen!

Die Haltung, das Leben nicht zu ernst zu nehmen und Spass zu haben, während es währt, treiben solche Leute auf die Spitze. Diese Todesverachtung und dieser Extrem-Humor, mit dem sie es tun, empfinde ich als sympathisches Gegenmodell all der modernen Lebensoptimierer, Gesundheitsfanatiker und Spassvermeider, von denen es heutzutage so viele gibt. Klar kann man einwenden, dass es ja auch ein gesundes Mittelmass zwischen diesen Polen gibt, aber wer will schon so etwas Langweiliges von sich geben … Die Frage, die mich nun umtreibt: War Keith Moon eventuell die Inkarnation von «Mad Jack»?











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