ZFF – Tag 4 – 6.10.2024

Am vierten Tag wurde Französisch gesprochen. Die jeweiligen Regisseure waren beide anwesend und sprachen aber zum Glück Englisch. Ich sah einen Film über einen Werber, der lieber Schäfer sein will und dann, wie am Tag zuvor schon, einen belgischen Film; zwar kein Dokumentarfilm, doch ein Spielfilm, in dem es um die Geschehnisse rund um den berühmten Kinderschänder Marc Dutroux geht. Erneut beinharte belgische, historische Kost …

Film 8 – 15.15 Uhr – Le Paris: Bergers

«Bergers» ist französisch für «Schäfer». Und genau das will der kanadische Protagonist dieser Literaturverfilmung in seiner romantischen Vorstellung in Frankreich werden – ohne entsprechende Vorkenntnisse. Es ist eine tolle Einstiegsszene, in der er seinem Arbeitgeber mitteilt, dass er nicht zurückkommen werde und die Firmenleitung ihn krank mache, was eine Rückkehr in den alten Job seinerseits verunmöglicht.

Natürlich könnte man schnöden, dass die Story – Werber lernt auf die harte Tour, dass das Leben in der Natur nicht nur romantisch, sondern zuweilen sehr nervenaufreibend ist – nicht gerade originell klingt. Doch Sophie Deraspe hat daraus einen tragikomischen, sehr schönen Film gemacht. Als jemand, der selber in der Werbebranche tätig ist, fühle ich mit dem angehenden Schäfer mit … Die Darstellung der Wölfe gefällt mir zwar nicht wirklich, aber na ja, ein Wolf ist ein Wolf, und oft ist auch der Mensch dem Menschen ein Wolf. Dazu gleich mehr beim zweiten Film des Tages …

Wenn «Bergers» ein Drink wäre, dann wäre er ein Glas Milch … Okay, sagen wir mit einem Schuss Wodka drin …

Die IMDb-Wertung der Community und mir:


Zwischen Film 8 und 9 blieb mir genügend Zeit, um in der Cinchona Bar unweit des Frame-Kinos einen Cocktail zu schlürfen. Ich entschied mich für, äh, Penicillin …:

Normalerweise geht das Rezept des «Penicillin’s» eigentlich so. Lecker! Der «Penicillin HB» schmeckte mir aber auch sehr gut.

Und während ich da so gemütlich meinen Cocktail genoss, schaute ich mir bei IMDb die Kritiker-Beiträge über den nächsten Film «Maldoror» an. Die englischsprachigen Kritiken waren ziemlich in Ordnung, die deutschsprachigen Rezensionen hingegen übelste Verrisse, sowohl was den Inhalt wie auch die Form betrifft. Der Film sei viiiiiel zu lang. Und diese Hochzeitsszene zu Beginn muss das sein? Und überhaupt sei ja alles bekannt, und insofern mäandere der Film so vor sich her bis zum bekannten Schluss. Ich geriet kurzfristig in Panik und schaute, ob es noch Platz für einen anderen Film hätte. Das war nur bei einem Film der Fall, wo es noch keine Rezensionen gibt. Da mich der Fall Dutroux interessiert, zog ich es dann doch durch. Zum Glück!

Film 9 – 20.00 Uhr – Frame 2: Maldoror

Der Vergleich hinkt etwas, aber ja, Maldoror hat Retro-Qualitäten

Auch hier erzählte der Regisseur (Fabrice du Welz) zu Beginn aus dem Nähkästchen. Was mich dabei bis jetzt beschäftigt ist, dass er sagte, dass der Film im Bewusstsein gemacht wurde, auch heilen zu wollen. Die Belgier seien durch diese Affäre Dutroux, inklusive des absolut desaströsen Verhaltens der Polizei, verspottet worden. Nicht wenige Belgier verloren das Vertrauen in die Behörden durch diesen Fall. Was mich nun irritiert ist, dass ich nicht verstehe, wie dieser Film heilen soll. Da er – abgesehen von der erfundenen Hauptfigur – den wahren Geschehnissen sehr genau folgt, macht er eher wütend, und zwar bis zur letzten Minute.

Fabrice de Welz, bisher eher für seine Horror-Filme bekannt, im Interview vor der Filmaufführung

Wer nicht nur die Zeit, sondern vor allem auch die Nerven aufbringen mag, der soll doch bitte die Wikipedia-Seite über diesen Fall ganz durchlesen. Ich wage jetzt mal zu mutmassen, dass es da keine zwei Meinungen darüber gibt, ob es ein Netzwerk hinter Dutroux gab, das wie bei Epstein und P. Diddy in hohe Kreise reichte. Mir ist bewusst, dass menschliche Inkompetenz Legion ist, man sie nie unterschätzen darf, doch gibt es meines Erachtens dann doch ein Limit an anzunehmender Dummheit und Zufällen, was bei diesem Fall sehr deutlich überschritten wird, trotz des damaligen Konfliktes den drei verschiedenen Polizei-Behörden miteinander hatten.

Und das ist irgendwie verrückt, dass ich nun an zwei Tagen nacheinander schwärzeste Kapitel in der belgischen Geschichte erlebt hatte. Beide Historien, Dutroux und die Ermordung von Patrice Lumumba, waren mir bekannt, aber das hier am Filmfestival so zu sehen war speziell. Ein Detail am Rande: Dutroux verbrachte seine ersten vier Lebensjahre in Belgisch-Kongo, bis zur Unabhängigkeit des afrikanischen Landes, welche gestern «Soundtrack of a Coup d’Etat» behandelt hat. Lustigerweise realisierte ich heute im Restaurant «Commercio» plötzlich, dass der Regisseur dieses Doku-Meisterwerks am Tisch neben mir ein Interview gab.

Stilistisch ist «Maldoror» äusserst intensiv gemacht, viele Grossaufnahmen, viele Emotionen, right in your face. Ich weiss, es gibt viele Filmemacher, die Grossaufnahmen nur spärlich – falls überhaupt – einsetzen, doch wenn es passt, dann passt es, und hier passt es hervorragend!

Hier die IMDb-Bewertungen von der Community und von mir:

Wenn der Film ein Drink wäre, dann wäre er ein belgisches, starkes Trappistenbier – man kann das die volle Filmlänge von zweieinhalb Stunden konsumieren, aber das haut einen dann ziemlich um …

Die Master Class-Verlinkung des Tages ist die mit Johnny Depp 2020, was bei seinem Eintreffen das schlimmste Gekreische der Fans erzeugte, das ich je erlebte. Schlimm, weil ich etwas weiter oben in meinem Büro konzentriert arbeiten musste, was bei diesem Tumult nicht einfach war … Johnny kam mit einem grossartigen Dokumentarfilm im Gepäck nach Zürich, über einen Trinker von Kindesbeinen an, Shane MacGowan von «The Pogues». Wir verlinkten den Trailer dazu wie auch Johnnys Master Class in einem unserer berüchtigten Weekend-Briefings.

Und bezüglich des Buches bleiben wir gleich bei Johnny und seiner Band Hollywood Vampires:

Autor

  • Wermutwolf Daniel Frey

    Ich habe Freude am Schreiben. Und am Trinken. Und am Schreiben, während ich trinke. Während des Vollmondes oder während des Trinkens verwandle ich mich in meine wölfische Urnatur.

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