ZFF – Tag 3 – 5.10.2024

Es dauerte nicht lang. Am dritten Tag realisierte ich, dass ich mein geplantes Pensum an Filmen und Master Classes reduzieren muss, dass ich alles andere in meinem Leben nicht für volle elf Tage ignorieren kann. Also liess ich am Samstag bereits einen Film und ein ZFF Masters sausen. Es blieb auch so aufregend genug. Pamela Anderson kam zu Besuch …

Zuerst eine kurze Vorankündigung: Gestern war ich im Coop einkaufen, als mir nicht zum ersten Mal dieser seltsame japanische Likör ins Blickfeld rückte:

Ich habe nicht die geringste Ahnung, was das ist, habs noch nicht gegoogelt, doch weil da kleine «Hirne» unten in der Flasche schwimmen, fand ich das interessant. Das wird also nach dem Filmfestival einen Artikel aus der Rubrik «Mein erstes Mal» ergeben.

Am Tag zuvor wurde mir und Dutzenden anderen Leuten klar, dass die ZFF Masters stets überpünktlich beginnen und dass man danach nur schwer Einlass bekommt. Es war ein Ärgernis. Man würde meinen, dass man daraus seine Lehren ziehen würde. Jein. Ja, weil ich dieses Mal pünktlich unterwegs war. Nein, weil ich keinen zeitlichen Puffer für Unvorhergesehenes eingebaut hatte.

Und so kam es, wie es musste. Das Sihlcity-Parkhaus war rappelvoll, bis unter die Decke, was ich noch nie zuvor so erlebt hatte. Das bedeutete, dass ich bei der Einfahrt schon warten musste, bis genug Autos rausgefahren sind. Und dann hatte es auf jeder der geschätzten 12 weiträumigen Etagen ungefähr 1–2 freie Parkplätze, aber auch zig andere Autos, die ebenfalls auf der Suche nach diesen waren. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich war wieder ein paar Minuten zu spät an der Kino-Eingangstüre und musste erneut auf Einlass warten …

Am Abend zuvor wurde Pam das «Goldene Auge übergeben

Glücklicherweise lernte die Festivalorganisation dazu und baute nun alle zehn Minuten ein Einlassfenster für die zu späten Besucher ein. Ich nutzte das erste Zeitfenster, verpasste dieses Mal also nur zehn Minuten und staunte, dass ich offenbar einen Platz in der ersten Reihe gebucht hatte. Also eigentlich die zweite Reihe. Die erste Reihe ist für die feinen Damen und Herren der akkreditierten Presse reserviert.

Ganz vorne, aber halt am Rand der Sitzreihe

Die 57-Jährige tritt in jüngster Zeit meistens ziemlich natürlich auf, ist auch an diesem Anlass nicht sehr aufgebrezelt, und das steht ihr durchaus gut. Aktuell ist Pam wieder sehr gefragt. Vor zwei Jahren wurde sie am Broadway für ihre Rolle der Roxie im Musical Chicago gefeiert, einer ihrer Söhne machte eine Dokumentation über sie und sie hat ihre Autobiografie geschrieben. Ohne Ghostwriter wie sie uns erzählte. Sie habe natürlich Hilfe der Verlagsredaktorin gehabt, doch geschrieben habe sie das Buch selbst. In wenigen Tagen kommt nun auch noch ein Kochbuch heraus. Natürlich mit veganen Rezepten, da sie Tierwohl-Aktivistin ist.

«Ich will nur weiter arbeiten und mehr machen. Ich bin inspiriert, mehr zu tun.»

Und vor allem gibt es nun diesen Film, der auch am Zurich Film Festival aufgeführt wird, «The Last Showgirl», in der sie neben Jamie Lee Curtis die Hauptrolle spielt, ein älteres Showgirl, dessen Las-Vegas-Revue aufgelöst wird. Eine Rolle, die ihr auf den Leib geschrieben scheint und die ihrer Karriere wieder enorm Schub verleiht. Fast wäre es nicht dazu gekommen. Die Vertretung, die Pam hatte, erhielt das Drehbuch und lehnte es sofort ab, ohne ihr dies mitzuteilen. Eines Tages war ihr Sohn vor Ort und erkundigte sich nach dem Drehbuch, was dort rumgelegen sei. Ach, das sei nichts, das würde seine Mutter nicht machen. Er antwortete, dass sie Pam die Drehbücher vorlegen müssten und brachte es ihr. Sie war gleich Feuer und Flamme für das Projekt.

Kürzlich hat sie nun einen weiteren Film abgedreht, und zwar – Trommelwirbel – «The Naked Gun»! Ja genau, die nackte Kanone, aber ohne Leslie Nielsen, der 2010 verstarb. Jetzt wird Frank Drebin von niemand geringerem als Liam Neeson dargestellt. Hm … Leslie Nielsen, Liam Neeson … klingt ähnlich … Das Projekt begann schon 2009 als «The Naked Gun 4 – Rhythm of Evil», bei dem vorgesehen war, dass Frank Drebin einen jüngeren Nachfolger einarbeitet. Wir werden im nächsten Sommer sehen können, was nun daraus geworden ist.

Nebst einigen belanglosen Anekdoten, wie dass David «The Hoff» Hasselhoff dem Baywatch-Team seine CD verteilte, oder dass sie die Mini-Serie über die Sextape-Affäre nicht gesehen habe und auch nicht darin involviert war, fand ich den Hinweis hilfreich, wie sie mit Lampenfieber umgeht. Sie projeziere jeweils den Folgetag, an dem sie sagen kann, ich habe es getan, egal ob es nun gut oder schlecht herausgekommen ist. Das nehme den Druck aus dem jetzigen Moment. Klingt einleuchtend.

Pam is in the house!

Ich vermute, dass es die erste Master Class war, bei dem keine Fragen aus dem Publikum gestellt wurden. Ich vermute ferner, dass jemand (Pamela?) befürchtete, dass schlüpfrige Fragen gestellt werden könnten, wegen des VHS-Tapes oder so. Trotzdem war es eine angenehme Fragestunde. Als es vorbei war, musste ich lachen, denn wie in der Vergangenheit Sharon Stone auch schon erwähnte, sagte auch Pam, dass es im Zeitalter der sozialen Medien heutzutage glücklicherweise nicht mehr aufdringliche Paparazzis brauche, die aus den Büschen hochspringen und einen bedrängen. Und doch wurde ich, als Pam neben mir Richtung Ausgang lief, fast niedergedrückt von Fans (und Journalisten?), die nahe Handybilder schiessen oder ein Autogramm erheischen wollten …


Film 7 – 17.30 Uhr – Frame 6: Soundtrack to a Coup d’Etat

Dieser mitreissende, hochspannende Dokumentarfilm (wie Angostura Bitters sehr stark und sehr bitter …) läuft nicht im Wettbewerb, da der belgische Regisseur Johan Grimonprez schon diverse Arbeiten abgeliefert hat und im Wettbewerb ja nur Erst-, Zweit- oder Drittarbeiten mitmachen können. Auf seiner Webseite können andere Werke kostenlos angeschaut werden. Dieses neuste Werk behandelt ein dunkelschwarzes Kapitel seines Heimatlandes, nämlich die Interventionen in der demokratischen Republik Kongo, früher Belgisch-Kongo.

Genauer gesagt geht es um die Zeit der kongolesischen Unabhängigkeitserklärung, woraus Patrice Lumumba 1960 als erster demokratischer Ministerpräsident hervorging. Es herrschte Kalter Krieg und im Kongo lagerte dazumals fast alles Uranium, das für den Bau von Atombomben benötigt wurde. Ausserdem wurden diverse afrikanische Staaten in die United Nations aufgenommen, wobei eine Stimmenmehrheit vom Norden zum Süden überging.

Lumumba war entgegen westlicher Propaganda kein Kommunist, was er auch mehrfach in seinen Reden ausführte, sondern strebte Souveränität an, was der wahre Grund ist, weshalb ihn die USA und Belgien umbringen liessen. Diese Doku ist erbarmungslos, ein Schlag in die Magengrube folgt dem nächsten. Wenn beispielsweise eine Nachricht verschickt wird mit dem Inhalt, dass mittlerweile sehr viele Auftragskiller im Kongo eingetroffen seien, man solle nicht noch mehr schicken, oder wie beschrieben wird, wie der US-Präsident Eisenhower den Befehl gab, Lumumba zu eliminieren, dann wird klar, was Real-Politik wirklich bedeutet.

Der Sundance-Festival-Gewinner läuft im ZFF unter der «Sound»-Rubrik, denn die USA begegneten der Kolonialkritik mit einer Entsendung von diversen hochklassigen Jazzmusikern, die für ihr Land Werbung machen und den cold war in einen cool war verwandeln sollten. Hier eine Liste der Musiker, die man im Film hört:

Diese Musiker waren allerdings im Clinch mit sich selbst, denn in den USA herrschte noch immer Rassentrennung und sie waren sich teils auch bewusst, benutzt zu werden. 1960 spielte Louis Armstrong für die UN-Truppen in Katanga, wobei das ein Ablenkungsmanöver war, um 1500 Tonnen Uranium von dort in die USA zu transportieren, ohne dass das die Sowjets mitbekamen.

Der Film dauert satte zweieinhalb Stunden, die nie langweilig sind. Darauf folgte noch eine halbe Stunde Q&A mit dem Regisseur, der in dieser Sequenz sagte, dass das mit der Musik eine Verkleidung für den akademischen Teil des Films ist:

Das heisst nicht, dass die Musik nur Beigemüse wäre, ganz und gar nicht. Es ist erstaunlich, wie es der Filmemacher schaffte, die Musik in den Film organisch einzuarbeiten. Doch letztlich geht es um ein extremes Beispiel, wie der Westen mit Ländern umgeht, bei denen etwas zu holen ist. Und wie Johan sagt, das hörte nach der Ermordung von Lumumba nicht einfach auf, das geht bis heute weiter.

Und nur so als Denkanstoss: Angesichts dessen, was in der Ukraine zu holen ist, sollte man sich die Frage stellen, ob die Grossmächte hier tatsächlich kämpfen, um die Demokratie zu retten oder Nazis zu vertreiben, oder ob es eben doch auch wieder ganz handfeste Motive sind …

Apropoz Ukraine: Der Dokumentarfilm «Russians at war von der russisch-kanadischen Regisseurin Anastasia Trofimova wurde aus Sicherheitsgründen aus dem Programm genommen. Die Weltwoche berichtete.

Jedenfalls ist «Soundtrack to a Coup d’Etat» eine glasklare Anseh-Empfehlung. Ich verlinke ja jeden Film zuerst im Titel auf die ZFF-Seite, wo alle Spielzeiten stehen. Man könnte den Film am letzten Festivaltag, Sonntag, 13. Oktober, um 17 Uhr im Corso auch noch sehen.

Hier die Bewertungen von der IMDb-Community und mir:

Weil es heute so politisch wurde, verlinke ich nun die (französisch gesprochene) Master Class eines der politischten Filmemacher der Geschichte, Costa-Gavras, der mit Filmen wie Z: Anatomie eines politischen Mordes oder Vermisst Filmgeschichte geschrieben hat:

Und auch beim Buchauszug bleiben wir politisch. Margarethe von Trotta spricht eingangs von Rosa Luxemburg:

Autor

  • Wermutwolf Daniel Frey

    Ich habe Freude am Schreiben. Und am Trinken. Und am Schreiben, während ich trinke. Während des Vollmondes oder während des Trinkens verwandle ich mich in meine wölfische Urnatur.

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