KNEIPENTOUR – BESTE COCKTAIL-BARS (8)

Diese Rubrik kam in letzter Zeit etwas zu kurz. Dabei ist das etwas vom schönsten, was es für einen Wermutwolf gibt: Ein neues Revier kennenlernen, wo man mit toller Musik und ausgezeichneten Drinks den Abend geniessen kann. Und jetzt waren wir sogar in einer Cocktail-Bar zu Gast, die zu den besten 50 in Europa gehören soll – die «Late Bloomers».

Die Bar der drei Griechenland-Schweizer Stylianos, Vangelis und Aineias gibt es nur ein paar Monate länger als den Wermutwolf, seit Ende 2022. Als wir am letzten Freitag, durstig wie wir halt sind, bereits ein paar Minuten vor 18 Uhr eintrudeln, muss sich das Bar-Team zuerst noch einrichten, was uns Gelegenheit gab, uns umzuschauen. Ich konnte mit Stelios (respektive Stylianos) ein paar Worte wechseln, der mir das mit der Schildkröte im Logo und dem Namen der Bar erklärte.

Aus Wikipedia: «Die Schildkröte und der Hase ist eine Fabel, die der altgriechische Fabeldichter Äsop schrieb. In der Fabel gibt es einen Hasen, der eine langsame Schildkröte verhöhnt. Die Schildkröte fordert den Hasen daraufhin zu einem Rennen auf. Schnell ist der Hase weit vor der Schildkröte. Zuversichtlich, dass er das Rennen gewinnt, entscheidet sich der Hase, während des Rennens ein Nickerchen zu machen. Doch als der Hase aufwacht, findet er heraus, dass die Schildkröte, die langsam aber stetig ging, das Rennen gewonnen hat.»

Und dieses späte Blühen sei eben ihr Programm. Stelios meinte, einige ihrer Freunde hätten schon früh Unternehmen gegründet, sie seien da etwas später dran. Und die Spätblüher müssen sich auch gegen Widrigkeiten behaupten. Gemäss 20min.ch wurde schon mehrfach bei ihnen eingebrochen und auch die Lage im Langstrassen-Rotlichtbezirk habe seine Tücken.

Als Zürcher ist mir die Gegend zwar bekannt, doch versetzt sie mich trotzdem immer wieder ins Staunen. Sie ist bunt, sie ist laut, sie pulsiert und ständig ist was los. Ich bin nur selten dort, ich kenne insofern die Künstler von solchen tollen Werken nicht:

Mir ist auch nicht klar, wie solche Slogans auf den Wänden genau gemeint sind:

Kürzlich sah ich das bei Ron Orp in Zusammenhang mit Feminismus. Es könnten natürlich auch Freundesbanden gemeint sein. Oder Eishockeybanden … Genau so rätselhaft erscheint mir die Vorstellung, dass jemand auf einer Damentoilette einen Automaten bedient, um sich Spielzeugfiguren zu angeln, und doch ist das ein echtes Foto aus dem entsprechenden Late Bloomers-WC:

Kommen wir nun aber zum Wesentlichen! Die Cocktails waren grosse Klasse, der Ruf dafür ist redlich verdient. falstaff beschreibt: «Die Drinks der «Late Bloomers» verbinden mediterrane Leichtigkeit mit Schweizer Zutaten und zeitgemässer Barkultur. Zweimal pro Jahr wird die Karte ergänzt, Saisonalität spielt dabei eine zentrale Rolle. Von Beginn an habe der Fokus auf mediterranen Drinks mit Schweizer Touch gelegen, erzählt Aineias.»

Ich bin gleich steil eingestiegen und führte mir den Signature Cocktail «The Notorious F.I.G.» zu Gemüte:

Seht ihr die Deko, die darin schwimmt? Das ist – wie der Name impliziert – eine in Wodka eingelegte Feige. Und jetzt ratet mal … Genau, natürlich hab ich sie gegessen. Der Feigengeschmack war irgendwo unter einer massiven Alkoholnote vergraben … Als Absinthe-Liebhaber schmeckte mir der Drink ausgezeichnet. Die Mischung mit Zitruslösung, Zitronengras-Sirup, Bitters und Feigenblatt-Soda ist der Hammer!

Der andere Cocktail, den ich bestellte, der «Inception Margarita» mit Tequila, Mezcal, Chili, Limette, Mais, Tortilla, Sirup, war ebenfalls grosse Klasse:

Und von meiner Bande am Tisch probierte ich auch noch den «Mediterranean Kiss». Lassen wir Google-Gemini die Zutaten erklären:

Der «Mediterranean Kiss» ist eine extrem spannende, tiefgründige Kreation, die stark von griechischen Aromen geprägt ist. Hier ist die genaue Aufschlüsselung dieser hochinteressanten Zutatenliste:

  • Metaxa 12: Der Star des Drinks. Metaxa ist kein klassischer Brandy, sondern eine einzigartige griechische Spezialität. Hier werden edle Weindestillate mit aromatischen Muskatweinen (meist von der Insel Samos) und einer geheimen Mischung aus mediterranen Kräutern und Rosenblättern vermählt. Die „12“ steht für eine mindestens 12-jährige Reifung in Eichenfässern. Das bringt tiefgründige Aromen von dunklem Kakao, getrockneten Feigen, Orangenschalen und würzigem Holz ins Glas.
  • Kumquat: Diese Miniatur-Zitrusfrüchte (Zwergorangen) zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Schale süsslich, das Fruchtfleisch aber sehr sauer ist. Im Drink sorgt sie für eine wunderbar komplexe, ätherisch-herbe Frische und eine feine Bitternote, die deutlich vielschichtiger ist als die einer normalen Orange.
  • Rotwein liefert dem Drink nicht nur eine schöne, dunkle Farbe, sondern vor allem Struktur. Die enthaltenen Tannine (Gerbstoffe) und die trockene Beerenfruchtigkeit erden den Cocktail und verhindern, dass er durch die süsseren Komponenten zu schwer wird.
  • Samos Vin Doux: Ein weltberühmter, natursüsser Likörwein aus der Muskateller-Traube von der griechischen Insel Samos. Er ist extrem aromatisch mit intensiven Noten von hellem Honig, reifen Aprikosen und gelben Blüten. Er harmoniert perfekt mit der Metaxa und bringt eine edle, florale Süsskomponente hinein.
  • Frischer Limettensaft ist das klassische Gegengewicht. Die spritzige, direkte Säure schneidet durch die schweren Noten von Wein und Likör und sorgt für die nötige Frische.
  • Ein Shrub ist ein traditioneller, sirupartiger Trinkessig (eine Mischung aus Früchten, Zucker und Essig). Er bringt eine ganz besondere, fast schon pikante Säure-Süsse-Struktur ins Spiel und sorgt dafür, dass der Drink am Gaumen extrem spannend bleibt und eine tiefere, leicht fermentierte Fruchtigkeit bekommt.

Das Geschmacksprofil

Der Name hält, was er verspricht: Das ist ein mediterraner, bittersüsser und sehr komplexer Drink. Durch die Kombination aus gereifter Metaxa, süssem Samos-Wein und Rotwein hat er ein warmes, schweres Fundament. Kumquat, Limette und der Shrub fangen diese Schwere jedoch genial ab und verwandeln den Cocktail in ein frisches, säuerlich-herbes und herrlich erfrischendes Geschmackserlebnis. Ein absolut grandioser Drink für alle, die komplexe Säurespiele und das Spiel mit Kräuter-, Wein- und Fruchtnoten schätzen!

Oben im Bild, neben den Chips, thront der mediterrane Kuss

Ganz genau: Grandios! Deshalb landete er schlussendlich nicht nur einmal auf der Rechnung. Die Musik kam an diesem Abend ganz im Soul-Funk-Gewand aus den Boxen. Man kann sich während angeregten Gesprächen nicht immer darauf fokussieren, aber ich schätze, dass jede Menge Maceo Parker und Fred Wesley dabei war. Also auch hierfür die maximale Benotung. Cass, seit Ende letzten Jahres im Team, war eine aufmerksame und aufgestellte Gastgeberin. Wermutwölfe: Hingehen!

In der näheren Umgebung finden Cocktail-Freunde zum Beispiel noch die OTRO-, die Flux Bar, und auch der fantastische Tipsy Tiger, über den wir ebenfalls einst berichteten, ist nicht fern. Der Unterschied vom beschwipsten Tiger zu den Late Bloomers ist nebst der Tatsache, dass es beim Tiger auch ein reichhaltiges Speisen-Angebot gibt (die Spätblüher werden ja vielleicht diesbezüglich auch noch nachziehen – später), dass der Tipsy Tiger direkt, mittendrin an der Langstrasse mit entsprechend Laufkundschaft liegt, während man die Late Bloomers in einer Seitenstrasse kaum einfach so antrifft. Das könnte sich aber auch als Vorteil entpuppen. Wenn man dort zu Gast ist, dann will man das explizit so, dann schätzt man die Lokalität bereits, gehört quasi zur Bande …

Der Kreis 4 gehört zu den jüngsten Bereichen in Zürich, und diesbezüglich habe ich aktuell erstaunt vernommen, dass entgegen dem bekannten Cliché nicht (mehr) die Generation Z (alt genug zum trinken bis 28 Jahre) die alkoholentsagendste Gruppe darstellt, sondern die Baby Boomers (61 Jahre plus). Die Bevtrac-Studie vom IWSR (International Wines and Spirits Record, der Goldstandard der Getränkeindustrie) setzt sich aus einer satten 26’000-Befragten-Stichprobe aus 15 Märkten in allen Kontinenten zusammen und ist somit – zumindest in den allgemeinen Abfragen – durchaus signifikant.

Der Alkoholkonsum der Gen Z ist von 2023 zu 2026 von 66 % auf 74 % gestiegen, was beinahe dem Durchschnitt von 76 % entspricht. Und sie lieben Cocktails am meisten. 85 % von ihnen sagen, dass sie im letzten Halbjahr welche getrunken hätten. Und sie trinken am sozialsten, zusammen mit anderen. Da wären wir wieder beim Banden bilden …

Irgendwo in der Gegend …

Millennials (29 bis 44 Jahre alt) trinken mit 81 % am meisten, gefolgt von meiner Generation, der Generation X (45 bis 60 Jahre alt) mit 77 %. Die Boomers haben im Vergleich zu 2023 um zwei Prozentpunkte nachgelassen, auf neu 71 %. Sie sind auch bei der vertilgten Menge das Schlusslicht und konsumieren pro Gelegenheit durchschnittlich «nur» 2,6 Drinks. Wir erzählen euch da nichts neues, es wird allgemein weniger getrunken. Im Vergleich zum Vorjahr sank der Gesamtschnitt von 4,4 auf 3,9 Drinks pro Gelegenheit. Diesem Trend wirken Indien und China entgegen, wobei China mit unglaublichen 89 % Trinkenden auffällt.

Nun denn, als Fazit schlage ich vor, dass wir das ironische, abwertende Sprichwort «Ok, Boomer», neu ergänzen mit «Ok, gönn Dir Eins, Boomer!»

Autor

  • Wermutwolf Daniel Frey

    Ich habe Freude am Schreiben. Und am Trinken. Und am Schreiben, während ich trinke. Während des Vollmondes oder während des Trinkens verwandle ich mich in meine wölfische Urnatur.

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