Kürzlich stellten wir euch drei verschiedene Gins vor und legten mit globalen Verkaufszahlen nach. Dazu nun zwei Ergänzungen. «Edinburgh Gin» produziert nebst dem beschriebenen, leckeren Rhabarber-Ingwer-Gin auch einen interessanten Navy Strength-Dry Gin. Und die Verkaufszahlen-Rangliste war eigentlich völlig falsch …
Ein Navy Strength-Gin muss mit mindestens 57,15 % Vol. Alkohol daher kommen. Das heisst, er geht ab wie eine Kanonenkugel! Und so heisst das entsprechende Produkt von «Edinburgh Gin», in Anlehnung an den täglichen Kanonenschuss in der schottischen Hauptstadt: «Cannonball». Die Geschichte hinter dieser Gin-Kategorie hat mit der königlichen Marine (wo es echt wilde Typen gab) zu tun. Das Problem an Bord von Kriegsschiffen war der Platz. Die wertvolle Fracht wurde unter Deck gelagert: Gin-Fässer direkt neben den Pulverfässern für die Kanonen.

Wenn nun im Gefecht oder durch ein Leck Gin auslief und das Schiesspulver tränkte, gab es eine riesige Misere. War der Gin zu schwach (weil er mit Wasser gestreckt worden war), blieb das Schiesspulver nass und zündete nicht mehr. Das Schiff war wehrlos. Die Navy erfand deshalb einen genialen, simplen Test: Ein paar Körner Schiesspulver wurden mit dem Gin befeuchtet. Man hielt eine Flamme daran. Brannte das Pulver trotzdem mit einer hellen Flamme ab (oder explodierte), war der Alkoholgehalt hoch genug. Das war der Beweis («Proof»). Dieser kritische Punkt liegt exakt bei 57,15 % Vol. (historisch als 100° English Proof definiert). Alles darunter löschte das Feuer und flog hochkant von Bord.
Da wir heutzutage eher selten mit Kanonen hantieren, hat Navy Strength-Gin in der modernen Barwelt einen ganz anderen, kulinarischen Zweck. Es geht nicht darum, sich schneller zu betrinken, sondern um Geschmack und Struktur. Alkohol ist ein hervorragender Geschmacksträger. Die ätherischen Öle der Botanicals (Wacholder, Zitrusschalen, Kräuter) lösen sich in höher prozentigem Alkohol deutlich besser. Ein Navy Strength-Gin duftet und schmeckt oft dreimal so intensiv wie ein Standard-Gin mit 40 Alkoholprozenten.

Wenn man einen Cocktail wie den Gimlet (mit viel Limettensaft) oder Negroni (mit kräftigem Campari und Wermut) mixt, geht ein normaler Gin geschmacklich oft unter. Ein Navy Strength-Gin boxt sich durch die Säure und Süsse hindurch. Der Drink schmeckt dadurch sehr knackig und frisch.
Die Destillerien gehen verschieden mit den Botanicals in einem Navy Strength-Gin um. «Edinburgh Gin» schreibt auf ihrer Webseite, dass sie beinahe doppelt so viel Wacholder und Zitrus beimischen als bei ihren anderen Gins. Ergänzt wird das noch mit Szechuan-Pfeffer für einen würzigen Kick. Das sind die drei Haupt-Botanicals, natürlich sind noch mehr drin, wie zum Beispiel Kardamon. Bei der Zitruspflanze verwenden sie asiatische Yuzu, die über ein komplexeres Geschmacksprofil als die Zitrone verfügt.
Viele Hersteller machen es sich einfacher als «Edinburgh Gin» (oder auch «Elephant Gin») und verwenden die gleiche Botanicals-Packung wie sonst, verdünnen die Navy Strength-Version dann einfach geringer. Kann man machen, dann bleibt jedoch die Gefahr, dass das Geschmacksprofil unvorteilhaft aus der Balance gerät.

Als interessierter Hobby-Mixologe untersuchte ich den Unterschied zwischen einem klassischen «Gimlet»-Cocktail und einem, der mit Navy Strength-Gin geschüttelt wurde. In Raymond Chandlers Krimi «Der lange Abschied» («The Long Goodbye») sagt Lennox den berühmten Satz: «Ein echter Gimlet besteht zur Hälfte aus Gin und zur Hälfte aus Rose’s Lime Juice und sonst gar nichts.» Natürlich wäre es die gehobene Kunst, den Drink nun mit einem hausgemachten Cordial herzustellen, aber das Leben ist zu kurz, deshalb wie üblich bei mir in aller gebotenen Kürze die gute, alte Limettensaft-Zuckersirup-Kombi …

Zuerst mixte ich mir den Standard-«Gimlet». Klassisch mit 60 ml Gin und je 15 ml Limettensaft und Zuckersirup. Als Gin nahm ich die Coop-Eigenmarke, ein Dry Gin mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis. Das Ergebnis ist natürlich wohlbekannt. Eine harmonische Mischung von Spirit, Süsse und Säure. Herrlich. Der Gimlet gehört zu meinen liebsten Cocktails. Vor dem Essen verströmt er gute Laune und danach ebenfalls …

Anschliessend war der Navy Strength-«Gimlet» an der Reihe. Hier muss man das Mischverhältnis anpassen. Ein Navy Strength-Gin bringt eine immense Wucht an Alkohol und hochkonzentrierten ätherischen Ölen ins Glas. Um diese Power zu bändigen, ohne den Charakter des Gins zu ertränken, muss das Mischungsverhältnis perfekt austariert sein. Der Anteil der Nicht-Gin-Zutaten wird von 30 auf 50 ml erhöht, damit der Drink dann nicht scharf, brandig wirkt. Durch den hohen Alkoholgehalt bei der Destillation lösen sich deutlich mehr ätherische Öle aus den Beeren und Kräutern. Ein Navy Strength-Gin besitzt dadurch eine extreme Aromendichte. Er benötigt die 30 ml Limettensaft als strukturgebenden Säurepuffer, um den wuchtigen Geschmackskörper aufzubrechen.
Ein oft unterschätzter Faktor beim Mischungsverhältnis ist das Wasser, das beim Shaken schmilzt. Höherprozentiger Alkohol schmilzt das Eis im Shaker schneller und bindet das Wasser anders. Es gilt, hart und für gut 12–15 Sekunden zu shaken. Das Ziel ist maximale Kälte und ein präzise gesteuerter Schmelzwassereintrag. Ergebnis: Noch herrlicher! Sowohl der Gin als auch die Limetten kommen prägnanter rüber. Okay, der Edinburgh Gin ist sicher komplexer als die gradlinige Version vom Coop. Vor allem der Pfeffer gibt dem Cocktail das gewisse Etwas. Wie erwähnt freue ich mich sehr auf den baldigen Besuch in der schottischen Brennerei.

Der Name des Gimlets könnte von einem kleinen Handbohrer-Werkzeug abstammen, mit dem man an Bord von Schiffen Löcher in Spiritonfass-Spunde bohrte. Mir persönlich gefällt die andere Möglichkeit besser: Sir Thomas Desmond Gimlette (1857–1943) war ein hochrangiger Militärarzt bei der Royal Navy und soll seinen Offizierskollegen den Gin-Limettensaft-Mix aktiv verordnet haben, um sie zur Einnahme ihrer Medizin zu bewegen. Ich will euch nicht schon wieder mit der Skorbut-Krankheit langweilen. Aber nochmals: Der Arzt verordnete diesen superleckeren Cocktail den Navy-Kollegen. Was für ein wermutwölfischer Held!
Bei den Recherchen, wie hoch der Navy Strength-Anteil innerhalb der Gin-Gattung ausmacht (etwa 2 % des Verkaufsvolumens; ca. 5-6 % des Umsatzes), stiess ich darauf, dass es einzelne Massenmarkt-Marken gibt, welche die Statistiken massiv verzerren, verändern. Konkret: Die brandaktuellen Gin-Zahlen weisen global eine Menge von 109 Millionen (9-Liter-)Kisten aus. Die philippinische Marke «Ginebra San Miguel» (nein, die ist nicht spanisch …) allein macht davon einen Anteil von 37 Prozent, respektive 40,8 Millionen Kisten aus! Eine einzige Marke! Was ich nicht wusste, war, dass im Ranking, das ich euch verlinkte, nur die (hier im Westen bekannten) Marken drin aufgeführt sind, die ihre Daten dafür abgeben. «Ginebra San Miguel» tut das nicht.

Und jetzt kommt es noch dicker: Auf den Philippinen wird über 40 Prozent des globalen Gin-Volumens runtergeorgelt! Über 400 Millionen Liter Gin! Klar, es ist ein 115 Millionen-Einwohner-Markt, aber trotzdem … Doch es wäre verfehlt, die Filipinos nun kategorisch als Süffel zu betrachten. Im Gegenteil trinken Deutsche oder Schweizer im Schnitt fast doppelt so viel reinen Alkohol als die Filipinos. Ganz zu schweigen vom Trink-Leader Rumänien. Auf den Philippinen gibt es praktisch keinen Weinmarkt. Aber sie trinken halt echt viel Gin (und Brandy und Rum).

Der Gin wird dort selten pur genossen, sondern meistens mit viel Eis und billigem Instant-Saftpulver (bevorzugt Pomelo- oder Ananasgeschmack) gestreckt. Das überdeckt die rauen Kanten. Bei einer Spirituose, die im Herkunftsland stellenweise günstiger ist als eine Flasche Marken-Cola (unter zwei Franken), sind ein paar fiese Fuselöle quasi im Preis inbegriffen. Das ist dann eben die berüchtigte «authentische Erfahrung», die ich zu machen gedenke. Die regulären Händler wie Paul Ullrich, Globus oder die Gin-Garage führen den Sprit nicht, ich werde mich durch die Asien-Märkte fragen müssen. Ich erzähle euch dann wie es war. Blöd dass in letzter Zeit so viel Negatives über Ibuprofen herausgekommen ist … Cheers! (mit zitternder Angststimme …)











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