Trinkgeschichten – Ein Freund für Boris Jelzin

Dass Politiker gerne einen zwitschern und sich dabei lächerlich machen, wissen wir von Boris Jelzin. Doch schon vor ihm gab es Brüder im Geiste. Der ehemalige britische Aussenminister George Brown wäre mit seinen feucht-fröhlichen Eskapaden der perfekte Trinkkumpane für den früheren russischen Präsidenten gewesen.

Ihr kennt George Brown nicht? Hier die Kurzfassung: George Brown wurde 1914 in eine typische Londoner Arbeiterfamilie geboren. So verwundert es nicht, dass er sich der sozialdemokratischen Labour-Partei anschloss. Dort machte er Karriere und schaffte es schliesslich von 1966 bis 1968 sogar zum britischen Aussenminister unter Premierminister Harold Wilson. Dieser war es auch, der ihm 1963 den Parteivorsitz vor der Nase wegschnappte. Grund war wohl Browns Vorliebe für Alkoholhaltiges. Der bekannte Labour-Politiker Anthony Crosland meinte jedenfalls zur Entscheidung zwischen Wilson und Brown, es sei eine Wahl «zwischen einem Gauner und einem Säufer». Säufer sind dem Wermutwolf sympathischer als Gauner, darum geht es heute nicht um Wilson, sondern um George Brown; also weg von der langweiligen Politik zum lustigeren, hochprozentigen Teil in Browns Leben.

George Brown vor einem Krug Wasser … oder ist es Gin? Quelle: Wikipedia.com; CC0
George Brown vor einem Krug Wasser … oder ist es Gin? Quelle: Wikipedia.com; CC0

Im Gegensatz zu anderen trinkfreudigen (britischen) Politikern und Politikerinnen wie Winston Churchill oder Margaret Thatcher hatte George Brown eine Eigenschaft, die ihn vor allem als launischen Säufer in Erinnerung der Öffentlichkeit behielt. Hochprozentiges machte ihn aggressiv, grossmäulig und unberechenbar. Dabei soll er laut Aussage der Kabinettskollegin Barbara Castle nicht einmal übermässig gebechert haben. «Er war einer dieser Leute, die vom Geruch eines Korkens besoffen werden», so Barbara Castle. Viel ist relativ und Frau Castle vertrug vielleicht selbst eine ganze Menge. Denn Brown soll bereits beim Mittagessen kräftig gegurgelt haben. Der britische Verteidigungsminister Denis Healey hat jedenfalls darauf geachtet, dass seine Treffen mit Brown jeweils vor dem Mittag stattfanden, da sonst die Gefahr bestand, dass der Aussenminister sternhagelvoll war. Bei der Arbeit soll sich George Brown zudem grosszügige Schlucke Whisky in seinen Tee oder Kaffee geschüttet haben. Das erinnert mich an einen Spruch vom früheren AC/DC-Gitarristen Malcolm Young: «Komischerweise habe ich nie viel getrunken, aber einfach andauernd».

Bild: George Brown – kein Kind von Traurigkeit
George Brown – kein Kind von Traurigkeit

Ob George Brown nun ein waschechter Alkoholiker war oder nicht viel wegstecken konnte, sei dahingestellt. Jedenfalls führte das Feuerwasser zu zahlreichen Anekdoten, die sogar Boris Jelzin in den Schatten stellen. In der UNO habe er versucht, eine Handvoll künstlicher Weintrauben zu essen. In der Lobby des Unterhauses wollte er die Bluse von Barbara Castle von hinten aufknöpfen und als er einmal Prinzessin Margaret bei einem Empfang vorgestellt wurde, kniete er sich auf den Boden, um ihr die Hand zu küssen … und konnte nicht mehr aufstehen. 

Achtung! Das sind keine echten Trauben
Achtung! Das sind keine echten Trauben

Noch schlimmer endete ein Auftritt Browns zu Ehren des ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy. Als er von einer Empfangsfeier ins Studio eilte, hatte Brown mehrere Dutzend Cocktails und Martinis intus. Schon im Gastraum ging das Drama los. Er pöbelte den Schauspieler Eli Wallach an, weil der sich weigerte, mit ihm Small Talk zu halten. «Warum sind Schauspieler so eingebildet?», soll er geschimpft haben. Wallach wurde nur knapp daran gehindert, ihm eine ordentliche Tracht Prügel zu verpassen. «Ich schlage die Scheisse aus Ihnen heraus», schrie der Schauspieler wütend. 

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Respekt: Es braucht Mut, um mit Eli Wallach einen Streit vom Zaun zu brechen

Die Lage wurde nicht besser, als Brown auf Sendung ging und Millionen von Zuschauern sahen, wie er seinen Kennedy-Tribut ins Mikrofon lallte. Weitere unzulängliche Auftritte im Fernsehen machten Brown zu einer nationalen Witzfigur. In einer Sitzung von 1964, in der das Labour-Manifest beschlossen wurde, war George Brown so von der Stange, dass er nicht einmal einfache Fragen beantworten konnte. 

Einen seiner denkwürdigsten Auftritte lieferte er aber an einem glanzvollen Empfang in Brasilien ab, bei dem Offiziere in voller Uniform und Botschafter in Hofkleidung anwesend waren. Dort soll er sich an eine prächtig in Purpur gekleidete Frau herangemacht haben. George säuselte: «Verzeihen Sie bitte, aber darf ich um diesen Tanz bitten?» Eine eisige Stille breitete sich aus, bevor der Gast antwortete: «Es gibt drei Gründe, Herr Brown, warum ich nicht mit Ihnen tanzen werde. Der Erste ist, dass Sie zu viel getrunken haben. Zweitens spielt das Orchester keinen Walzer, sondern die peruanische Nationalhymne, zu der Sie strammstehen sollten. Und der dritte Grund, warum wir nicht tanzen dürfen, Herr Brown: Ich bin der Kardinalerzbischof von Lima.»

Autor

  • Wermutwolf Sascha Zäch

    In jedem steckt ein Wermutwolf. Mit ihm entdecke ich neue Geschmacks- und Geisteswelten. Ausserdem habe ich eine alchemistische Ader und stelle gerne eigene Zaubertränke her.

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