Statt Bewährtes zu pflegen und zu verfeinern, jagt die Getränkewelt ständig der nächsten Sensation hinterher. Dreifach- oder vierfachgehopfte IPAs. Whiskys, die mehr Fässer gesehen haben als ein Weltreisender. Gins, die nach Hibiskus, Yuzu oder exotischem Kräutertee schmecken – aber den Wacholder vergessen haben.
Ich habe nichts gegen Experimente. Im Gegenteil. Ich probiere Neues gerne aus und bilde mir erst dann eine Meinung. Was mich stört, ist etwas anderes: Gutes und Bewährtes wird heute oft behandelt, als wäre es automatisch langweilig, altbacken oder gar schlecht. Neu gilt vielerorts als Synonym für besser. Alle suchen nach dem nächsten heissen Ding – und wollen es möglichst als Erste gefunden haben. Das zieht sich mittlerweile durch fast alle Lebensbereiche. Und natürlich auch durch unser liebstes Metier: den Alkohol.

Ich liebe unsere Craft-Brauer. Sie haben uns aus dem Lagerbier-Korsett befreit und uns in ein Bier-Paradies mit unzähligen Bierstilen geführt. Nur scheint sich das Rad inzwischen immer schneller zu drehen. Ein gutes IPA genügt längst nicht mehr. Das Motto lautet: stärker, hopfiger, trüber, alkoholreicher.
Mittlerweile übertrumpfen sich die Brauer bei Alkoholgehalt, Hopfungsgrad und Zutaten. Das führt zu Bieren wie Quadruple-IPAs mit massiver Hopfenmenge und Alkoholgehalten von über 11 Prozent, die eher an zähflüssigen Kräuterlikör als an Bier erinnern. Oder zu hochprozentigen Pastry-Stouts mit Schokolade, Kaffee, Sirup und Honig, die problemlos als Dessert durchgehen würden.
Es stellt sich die Frage: Will man das beste Bier brauen – oder einfach das auffälligste?
Ich wünsche mir mehr Brauer, die sich wieder auf Trinkbarkeit, Balance und Eleganz konzentrieren und einen «Klassiker» erschaffen wollen, von dem man noch in Jahrzehnten spricht. Je länger, je mehr, greife ich einfach wieder zu einem Appenzeller Quöllfrisch, einem Ittinger Amber, einem Guinness oder einem belgischen Chimay. Da weiss man, woran man ist: Handwerk ohne Schaumschlägerei.

Dasselbe beobachte ich bei Whisky, Wodka oder Gin. Wer heute einen etablierten Klassiker bestellt, erntet in Expertenkreisen ein mitleidiges Lächeln – zu schwach, zu wenig komplex, zu langweilig. Dabei greife ich lieber zu einem Wild Turkey 101, zu einem Johnnie Walker Black Label, zu einem Glenfiddich 15, zu einem Tanqueray London Dry Gin oder einem ehrlichen Wyborowa-Wodka. Denn hier stimmen Balance, Geschmack, Trinkbarkeit – und vor allem der Preis.

Der Preis ist sicher einer der Gründe, wieso ständig neue, scheinbar bessere, innovativere Produkte den Markt überschwemmen. Einen J&B Rare, der seit fast einem Jahrhundert verlässlich liefert, kann man nicht plötzlich zum doppelten Preis vertreiben. Eine limitierte Edition mit Fass-Finish-Marathon, exotischen Gewürzen und einer dramatischen Entstehungsgeschichte verkauft sich dagegen schön teuer.

Hinzu kommt unsere Medienwelt: Produkte werden heute über YouTube, Social Media, Blogs und Fachmagazine verkauft. Sie alle leben von Neuheiten. Welcher Influencer will schon darüber reden, dass ein Standard-Blend seit fünfzig Jahren verlässlich gut schmeckt? Das bringt keine Klicks. Neue Inhalte sorgen für neues Material. Darum führen jedes Jahr noch tollere, speziellere Produkte die Rankings an. Heute gefeiert, morgen vergessen.
Mittlerweile habe ich ein einfaches Rezept: Ich greife lieber zu Klassikern und gönne mir gelegentlich ein Experiment. Das schont den Geldbeutel und die Geschmacksnerven.











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