ZFF –Tag 11 –13.10.2024

Das war der letzte Tag des diesjährigen Zurich Film Festivals. Endlich! Es war eine interessante Erfahrung, einmal ein ganzes Filmfestival mitzumachen, doch ging es mit der Zeit ziemlich an die Substanz – was so einigen Filmen leider fehlte … Auch der letzte Festivaltag brachte keinen herausragenden Film hervor, aber es war okay als Schlussbouquet.

Film 29 – Corso 2 – 13.00 Uhr: Riefenstahl

Das Trailer-Video gibt es nicht, den Dokumentarfilm aber schon …

Schon wieder zweiter Weltkrieg … Thema der Doku war Leni Riefenstahl, die für Hitler Propagandafilme drehte, stets sagte, sie habe von keinen Gräueln gewusst und die 101 Jahre alt wurde. Ihre Karriere begann als Tänzerin, nach einer Verletzung wechselte sie zur Schauspielerei und schliesslich hinter die Kamera, wo sie durchaus Talente für Ästhetik und Perspektiven offenbarte.

Produzentin Sandra Maischberger interviewte Frau Riefenstahl zu ihrem 100. Geburtstag, war vom Gespräch jedoch frustriert, da es ihr nicht gelang, der alten Frau etwas von Belang zu entlocken. Und so entstand die Idee zu dieser Dokumentation, für die sie mit Regisseur Andres Veiel als erste die 700 Kisten Nachlass-Archive durchforsten durfte. Der Deal war, dass sie Dokumente daraus im Film zeigen dürfen, dafür erstellten sie im Gegenzug ein Archiv-Inventar-Protokoll.

Natürlich ist es Blödsinn, wenn Leni Riefenstahl zeitlebens verlautbarte, dass sie apolitisch sei, dass es ihr nur um die Kunst gegangen sei. Doch hat sie vermutlich nicht ganz unrecht, wenn sie in einer Szene des Films sagt, dass 90 % der Deutschen dazumals von Hitler begeistert gewesen waren. Es sind immer wieder gespenstische Szenen wenn riesige Menschenmassen ihrem Führer zujubeln, wie wenn er ein, äh, Filmstar wäre … Die Spruchkammer Freiburg urteilte Ende 1949, dass L.R. nur eine Mitläuferin gewesen sei, was angesichts der Nähe zu Hitler und Goebbels verwundert. Dieses milde Verdikt bekamen weitere 1,3 Millionen Westdeutsche, 30’000 wurden als belastet taxiert und lediglich 2500 galten als Hauptschuldige.

Der Film enthält interessante Momente, beispielsweise Tonaufnahmen von den unzähligen Anrufen, welche die Filmemacherin von Fans (respektive Gesinnungsgenossen …) erhalten hatte, oder wie sich die Regisseurin mit Hitlers Architekten Speer nach seiner Haftentlassung darüber unterhaltet, wieviel Geld man mit Interviews machen kann.

Die IMDb-Bewertungen der Community und von mir:

Wäre der Film ein Drink, er wäre ein Weissbier …


Nach diesem Film wäre eigentlich «Der Spitzname» mit Iris Berben angesagt gewesen. Doch dann hätte ich zwischen den vier Filmen keinerlei freie Zeit gehabt. Ausserdem hatte ich die Nase voll von den harten Kongresshaus-Stühlen. Also ging ich wenige Schritte weit weg vom Kino Corso, wo die anderen drei Filme des Tages liefen, in die Goethe Bar, las die mit dem Filmfestival eng verbundene «NZZ am Sonntag» und genehmigte mir zwei feine Cocktails:

Zuerst der «Prometheus», mit Gin, Sherry, Zitrone, Milch und Orange-Vanille-Schaum. Eigentlich hätte ich mir den als Zweites, als Dessert bestellen sollen, aber egal…
Der «Maximus» war fantastisch, genau mein Geschmack! Wild Turkey, Hennessy, Benedictine, Antica Formula und auch nochmals Pedro Ximenez

Film 30 – Corso 1 – 17.45 Uhr: The Room Next Door

Auf diesen Film war ich am meisten gespannt im ganzen Festival. Das neue Werk von Pedro Almodovar! Für mich einer der allerbesten noch lebenden Filmemacher, der Meisterwerke für die Ewigkeit erschuf wie «Hable con ella», «Dolor y gloria», «La piel que habito», «Volver», «Todo sobre mi madre» oder mein Lieblingsfilm von ihm: «Los abrazos rotos». Und nun also sein erster Film in englischer Sprache, wenngleich er bereits Kurzfilme in Englisch gedreht hatte.

Der Meister bei der Arbeit, im Verbund mit seinen zwei grossartigen Hauptdarstellerinnen, Julianne Moore und Tilda Swinton

Es handelt sich um ein Sterbedrama. Martha, gespielt von Tilda Swinton, hat Krebs im Endstadium. Ingrid (Julianne Moore) erfährt von einer gemeinsamen Bekannten davon und beschliesst, Martha nach langer Zeit, in der sich die einstigen Freundinnen nicht mehr gesehen haben, im Spital zu besuchen. Sie willigt ein, im «Raum nebenan» zu sein, wenn Martha selbstbestimmt mit einer Pille aus dem Darknet ihrem Leben ein Ende setzen wird.

John Turturro – der für viele Filmliebhaber stets der Jesus aus «The Big Lebowski» bleiben wird – als Ex der beiden Ladies und als Fatalisten, der überzeugt ist, dass das Ende der Erde nah ist

Pedro ist mittlerweile 74 Jahre alt und in letzter Zeit ist in seinen Filmen der Tod häufiger ein Schwerpunkt. «The Room Next Door» ist zwar voller Melancholie, doch gleichzeitig auch dem Leben zugewandt und hellwach. Die Dialoge – nach der Buchvorlage «What Are You Going Through» von Sigrid Nunez – wirken manchmal etwas aufgesetzt, ein wenig steif, was eventuell eben der Tatsache geschuldet ist, dass der Film nicht in Spanisch gesprochen wird. Ausserdem wirken die Bilder nicht so ausladend arrangiert wie seine vergangenen Meisterwerke, was wohl dem Sterbethema geschuldet ist. Alles in allem ein guter Film, den ich als Erfahrung, die man machen kann, eindeutig weiterempfehle. Ich freue mich schon sehr auf sein nächstes Projekt, das in der Pre-Production steckt, «Amarga Navidad», über eine Frau, die von ihrem Partner an Weihnachten verlassen wird. Das ist dann wieder ein spanischer Film.

Die IMDb-Bewertung der Community und von mir:

Wenn der Film ein Drink wäre, dann ein Bitter & Süss. Für Pedro würde ich sogar rosaroten Zucker auftreiben.


Vor dem allerletzten Film an diesem Festival dachte ich, dass ich dann doch auch wenigstens einmal den Festivaldrink an der Corso-Bar bestellen sollte. Gesagt, getan. Der «Campari Spritz» enthält einfach Campari, Prosecco und Soda und war in seiner Einfachheit ein sehr leckerer Genuss:

Zum Drink gabs eine kleine, aber völlig ausreichende Tüte Popcorn dazu. Was braucht man mehr im Leben?

Film 31 – Corso 1 – 20.30 Uhr: The Last Showgirl

Die Rolle ist Pamela Anderson auf den Leib geschrieben. Sie spielt Shelley, die erfahren muss, dass ihre geliebte Las-Vegas-Show nach 30 Jahren abgesetzt wird und sie somit vor einer ungewissen Zukunft steht. Mit 50 Jahren wird sie von moderneren Shows nicht mehr engagiert. Ihre Freundin Annette, gewohnt brillant von Jamie Lee Curtis verkörpert, verdient sich im Casino als Drink-Serviererin und kommt mehr schlecht denn recht über die Runden. Und dann ist da noch Shelleys Tochter, die ihre Mutter wegen der Show vernachlässigte, womit sie verständlicherweise hadert.

Der tolle Cast, mit Jamie Lee und Pamela, die sich am Set rasch anfreundeten

Es war ein perfekt passender Abschlussfilm. Im Film ging die Vegas-Show zu Ende, so wie auch das 2024-Zurich Film Festival. Wie das gesamte Festival in der Rückschau, fand ich auch «The Last Showgirl» nicht der Brüller, doch es war ein würdiges Ende, denn schauspielerisch wurde man bestens unterhalten, und auch die Inszenierung war in Ordnung. Und letztlich war es ein Abgesang. Im Film von der Art von Nackt-Revue, wie es früher einmal en vogue war, das Festival war für mich ein Abgesang auf eine Traumfabrik, die früher einfach deutlich mehr kreativen Glanz ausstrahlte.

Die IMDb-Bewertungen der Community und von mir:

Wenn der Film ein Drink wäre, dann ein simples Glas Prosecco …


Die letzte Master Class, die ich nun verlinke, ist die mit Rob Reiner von 2017:

Anfang der 90er-Jahre war ich bei den Dreharbeiten zu «North» mit Bruce Willis vor Ort und konnte Rob in L.A. bei der Arbeit zusehen. In dieser Master Class erzählt er, was ein berühmter Kritiker über den Film geschrieben hat: «I hated it! I hated it! I hated it! I hated it! I hated it! I hated it! I hated it!». Ich selbst fand ihn eigentlich nicht so schlimm. Rob Reiner rührt auch wann immer er kann lautstark die Werbetrommel für die Demokraten. Er schuf Klassiker wie «When Harry met Sally» und «Spinal Tap».

Ja, Rob drehte auch mit Ex-Wrestler und Wermutwolf-Legende André The Giant!

Und der letzte Buchausschnitt soll nochmals zwei der prägensten Figuren des Festivals behandeln, Polanski, dessen Verhaftung die Bekanntheit des ZFF über Nacht durch die Decke gehen liess sowie der schwierigste Gast der Festivalgeschichte, Harvey Weinstein:


So, der Vorhang für dieses Intermezzo ist beinahe gefallen, doch noch nicht ganz. Es folgt noch ein letzter Artikel mit Schlussbetrachtungen und Fazit. Coming soon …

Autor

  • Wermutwolf Daniel Frey

    Ich habe Freude am Schreiben. Und am Trinken. Und am Schreiben, während ich trinke. Während des Vollmondes oder während des Trinkens verwandle ich mich in meine wölfische Urnatur.

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