Hier nun also der finale Filmfestivalartikel, das Fazit zu diesem einmaligen Experiment. Ab jetzt geht es bei uns wieder nur um alkoholgeschwängerte Themen. Zum Schluss eine missmutige These: Natürlich gibt es noch immer tolle Filme. Aber es ist definitiv nicht mehr wie früher. Klassiker werden immer rarer.
Vorab noch ein paar alkoholische Details, die ich bisher nicht erwähnt hatte. Zum Festivalauftakt bestellte ich an der Bar des Festivalzentrums einen Wodka-Mate. Die Bedienung gab mir ein Mate-Fläschchen und meinte, ich könne nun ein paar Schlucke trinken. Sie fülle es dann mit Wodka auf. Ich kam mir gleich viel jünger und hipper vor …

Ferner hatte ich in einem Artikel das Bild mit Alicia Vikander publiziert, wie sie eine grosse Champagnerflasche signierte, doch ohne Kontext. Diese «Moet & Chandon»-Flasche, die von zahlreichen Promis signiert wurde, wird versteigert und der Erlös kommt der Roger Federer Foundation zugute, die Bildungsprojekte im südlichen Afrika und der Schweiz unterstützt.

Nun denn, die 20. Ausgabe des ZFF ist eingetütet. Viele Stars gaben sich die Ehre:
Hier mit etwas zeitlicher Distanz nun meine Ranglisten von den 22 Spiel- und 9 Dokumentarfilmen, die ich am 20. Zurich Film Festival gesehen habe:
Ranking Spielfilme:
- The Assessment
- Heretic
- On Falling
- Finalement
- Maldoror
- Lee
- The Room Next Door
- A Real Pain
- September 5
- Anora
- Bergers
- The Last Showgirl
- Brief History Of A Family
- The Apprentice
- The Goldfinger
- My Favourite Cake
- Friedas Fall
- Blitz
- The Order
- Joker – Folie à deux
- Conclave
- Flow
Ranking Dokumentarfilme:
- Soundtrack to a Coup d’Etat
- Stealing Giants
- Ibelin
- La libertad de Fierro
- One to One – John & Yoko
- Mistress Dispeller
- Riefenstahl
- Home is the Ocean
- Marching in the Dark
Da sechs bis sieben der Spielfilme auf tatsächlichen Begebenheiten fussen, kann man sagen, dass etwa die Hälfte der Filme einen realen Background hatte. Viermal war es der Zweite Weltkrieg.
Kein einziger der 31 gesehenen Filme kam auf meine Liste der besten Filme aller Zeiten. Und generell ist noch kein einziger Film aus diesem Jahr dort gelandet. Der einzige Film, der dem Prädikat herausragend am nächsten kam, war «The Assessment». Die beiden Wettbewerbssiegerfilme habe ich nicht gesehen, ist mir aber mittlerweile auch egal …

Es gibt auch heutzutage tolle Filmemacher wie Ari Aster, Gaspar Noé, Wes Anderson, Yorgos Lanthimos, Darren Aronofsky, et cetera, und wie gesagt, auch in der Neuzeit gibt es hin und wieder herausragende Filme, wie der erste «Joker» 2019, «Inception» 2010 oder «Into The Wild» 2007. Doch man vergleiche bitte mit der Zeit vor der Jahrtausendwende! Hier die Filme, die allein 1999 das Licht der Kinos erblickten:
- Magnolia
- Man on the Moon
- The Insider
- Fight Club
- American Beauty
- Being John Malkovich
- The Sixth Sense
- Eyes Wide Shut
- The Matrix
- eXistenZ
Oder wir gehen noch etwas weiter zurück ins Jahr 1995: - Se7en
- 12 Monkeys
- Leaving Las Vegas
- Underground
- The Usual Suspects
- Before Sunrise
Oder noch weiter zurück ins glorreiche Jahr 1991: - The Silence Of The Lambs
- Barton Fink
- The Indian Runner
- The Fisher King
- Cape Fear
- Naked Lunch
- JFK
- Night On Earth
- Europa
- Delicatessen
- Kafka
- Prospero’s Books
Oder um jeweils nur ein paar Highlights über die Jahre zu nennen: - GoodFellas (1990)
- Wild at Heart (1990)
- Do the right thing (1989)
- Full Metal Jacket (1987)
- Der Himmel über Berlin (1987)
- Blue Velvet (1986)
- Brazil (1985)
- Once upon a time in America (1984)
- Rumble Fish (1983)
- Blade Runner (1982)
- Alien (1979)
- Apocalypse Now (1979)
Sorry, aber Marty Scorseses neuere 3-4-Stunden-Filme sind einfach nicht mehr «GoodFellas» oder «Cape Fear». Terry Gilliams neuere Filme sind nicht mehr «Brazil», «12 Monkeys» oder «The Fisher King». Ridley Scotts «Napoleon» ist nicht mehr «Alien» oder «Blade Runner». Coppolas «Megalopolis» ist nicht mehr «Apocalypse Now», «Rumble Fish» oder «Bram Stoker’s Dracula». Stanley Kubrick, Fellini, Bergman, etc. leben nicht mehr. David Lynch macht schon ewig keine Filme mehr, weil er es satt hatte, dass die Finanzierung immer schwieriger wurde. Wo ist der nächste «Donnie Darko», «Cube», «Bringing Out The Dead», «The Thin Red Line», «The Truman Show», «Trainspotting», «Snatch», «Natural Born Killers», «Edward Scissorhands», «The Fly», «Interview With The Vampire», «La Montana Sagrada», «Szenen einer Ehe», «Harold and Maude», «Psycho», «Rosemarie’s Baby» und so weiter und so fort? Sorry für das lange Name-dropping …
Als David Lynch «Blue Velvet» im Kasten hatte, wurden schon dazumal sogenannte Test-Screenings durchgeführt, bei denen Leute den Film vorab sehen können, dafür ein Formular ausfüllen müssen, wie sie den Film gefunden haben. Die Feedbacks zu «Blue Velvet» waren vernichtend, die Zuschauer hassten den Film. Produzent war Dario de Laurentiis, und der hatte die Chuzpe zu sagen, okay, dann haben die Leute den Film halt einfach nicht verstanden. Der Film wurde genau so belassen, wie Lynch ihn gemacht hatte. Mit Fug und Recht! Es gibt einen Grund, weshalb es kreative Genies wie Lynch, Kubrick & Co. gibt, die man unbedingt machen lassen sollte! Wenn Durchschnittskonsumenten darüber entscheiden können, was hochbegabte Schöpfer tun und lassen müssen – und damit meine ich nicht nur die Zuschauer mit ihren oft kleingeistigen Feedback-Fragebögen, sondern auch Studiobosse, die keinen Schimmer von Kreativität haben – und dann noch ideologische Schraubstöcke, Vorschriften obendrauf kommen, wie viele Minderheiten pro Film beschäftigt und thematisiert werden müssen, ja dann sind wir da, wo wir jetzt stehen – in der Anti-Kreativitäts-Maschinerie. Ich weiss ja nicht, wie es euch geht, aber ich habe die Schnauze gestrichen voll von «Star Wars 3937», «Avengers 87646» oder «Indiana Jones 452365». Eine genormte Durchschnittskultur macht mir Angst, denn sie ist austauschbar, obsolet.
Ich kann mich an viele Erstreaktionen von Mitmenschen erinnern, als sie zum ersten Mal Kubricks Film «2001: A Space Odyssey» gesehen hatten. Der Film stammt aus den 60er-Jahren, er kam noch vor der offiziellen ersten Mondlandung heraus. Praktisch alle, die ich kenne, waren entweder völlig verwirrt, verstört oder verliessen vorzeitig das Kino. Weil das genau der richtige Lauf der Dinge ist! Kreative Genies wie Kubrick erschaffen etwas Aussergewöhnliches und wir dürfen darüber staunen und rätseln. Kubrick hatte Narrenfreiheit. Er konnte so lang an einem Projekt arbeiten und drehen, wie es ihm beliebte. Heute gibt es so etwas nicht mehr. Es gibt straffe Budget-Zeitrahmen. Hopp Hopp, Zeit ist Geld …
Ist es in der Literatur nicht auch so? Wenn man Nietzsche, Dostojewski und so weiter, den zeitgenössischen Schriftstellern gegenüberstellt, dann fällt der Vergleich doch ähnlich aus, nicht wahr? Nochmals: Ja, ich lese auch immer wieder tolle Bücher aus unserer heutigen Zeit. Aber das ist dann nicht Kafka oder Joyce.
Die geschätzte Hälfte der heutigen Spotify-Charts sind Coverversionen der 80er- und 90er-Jahre, einfach schneller und künstlicher abgespielt. Allmählich sorge ich mich echt darüber, ob es in 10 bis 20 Jahren noch Spuren von schöpferischer Originalität auf diesem Planeten geben wird. Algorithmen und KI beschleunigen den Abwärtstrend. Das kann man sich alles nicht mehr schön trinken. Versuchen kann man es aber natürlich trotzdem … Cheers!











Kommentar verfassen