ZFF – Tag 2 – 4.10.2024

Am zweiten Festivaltag war ein dicht gedrängtes Programm angesagt. Eine Master Class, ein Talk mit Festival-Chef Christian Jungen und Gründer Karl Spoerri sowie drei völlig unterschiedliche Filme. Es war ein Mixed Bag mit Hochs und Tiefs – und einer Cocktail-Zutat, mit der ich mich noch nie zuvor befasst hatte …

Es begann mit dem vorläufigen Tiefpunkt der Festival-Organisation dieses Jahres. Die ZFF Masters mit Jude Law war angesagt. Ich wollte für Euch schnieke Bilder vom Eintreffen des Superstars von meinem Bürofenster aus schiessen.

Schwuppdiwupp, schon war er drin …

Ich bin zu meiner ersten ZFF Master Class zwei Minuten zu spät eingetroffen, da waren die Türen schon zu. Wir waren vermutlich circa 30–40 Leute, die ausgeschlossen wurden. Und es hiess immer, dass wir nur etwa 5–10 Minuten warten müssten, dann käme die Presse raus und dann könnten wir hineingehen. Letztlich verpassten wir die ganze erste Hälfte der Master Class, wir wurden nach geschlagenen 24 Minuten reingelassen. Was für eine sinnlose Sauerei.

Tags zuvor wurde Jude der Golden Eye Award übergeben, als sein neuer Film «The Order» gezeigt wurde. Ich sehe den Film später im Festivalprogramm

Und natürlich blieb zumindest ein Teil der Presse bis am Schluss. Ich meine, warum sollten die nach zehn Minuten gehen? Und was hat die Presse eigentlich damit zu tun? Die waren ja eh drin. Es hiess, dass man keine Unruhe haben wolle, während die Presse noch drin sei. Oh, klar, die feinen Damen und Herren der Presse … Da muss man natürlich schon Verständnis aufbringen …

Apropoz Presse … Ich weiss, schäkern kann eigentlich auch harmlos rumalbern bedeuten, im Alltagsgebrauch ist die Assoziation aber natürlich flirten und nein, liebes «20 Minuten», ich glaube kaum, dass Jude mit der Frau Baume-Schneider flirtete …

Ausserdem stand nirgends auf der Webseite des Festivals, dass um Punkt 10 Uhr die Türen geschlossen werden, denn dann hätten die einen ggf. einen Zug früher nehmen können oder so. Mit der Zeit wurden wir alle immer unruhiger, jemand meinte bestimmt, dass sie 50 Stutz bezahlt habe und jetzt reinwolle. Jemand anders hat sich erkundigt, wohin man eine Reklamations-Mail schicken könnte. Sie meinte, wir alle sollen denen schreiben und fragte, ob sie ein Selfie von uns allen machen könne zum mitschicken. Wir bejahten. Wir mussten lachen, als sie das Foto machte und meinte, eigentlich sollten wir ja wütend dreinschauen. Da hatte sie vollkommen recht. Das war eine total miese Organisation!

Und auch sonst ging es in diesem Pseudo-hippen-sexy-Jungsprech-Ton weiter…

Was wir teilweise noch mitbekommen haben, war durchaus interessant. Es ging natürlich dann bereits schnell zum Frageteil über, da wir fast das ganze Interview verpassten. Jemand sprach Jude auf eXistenZ von David Cronenberg an, einer meiner Lieblingsfilme, und merkte auch gleich an, dass der Film heute noch wichtiger sei als bei seiner Premiere 1999 – eins der besten Kinojahre aller Zeiten. Der Film handelt von virtuellen Game-Realitäten, quasi der Simulationstheorie, der Matrix. Jude erzählte die Anekdote von der Szene, als er bei einem chinesischen Essen aus all den Knochen eine Waffe bastelt. Offenbar wurde endlos an dieser Szene gedreht und so musste Jude Unmengen an diesem präparierten asiatischen Food verschlingen. Er sei davon dann sehr krank geworden …

Eine andere Frage war, wie er Beruf und Familie unter einen Hut bringe. Jude hat eine grosse Familie mit, wenn ich es richtig hörte, sieben Kindern. Er antwortete, dass er von Paul Newman bei den Dreharbeiten zu Road to Perdition (2002) einen guten Rat bekommen habe. Er solle sich vorstellen, dass er quasi einen Job beim Wanderzirkus habe, er soll es geniessen, aber seine Familie daran teilnehmen lassen, sie so oft mitnehmen, wie es geht. Und Jude habe die Regel, dass, wenn er doch einmal alleine weg müsse, das nicht zu lange dauern darf, ein ungefähres Maximum von zwei Wochen.

Ja, ich hätte gerne alles von seiner Master Class gehört …

Weiter ging es im Festivalzentrum mit einem Talk der Festivalgrössen Karl Spoerri und Christian Jungen, also altem und neuem Festivaldirektor. Ich hätte mir gewünscht, dass auch Nadja Schildknecht mit dabei wäre, die zusammen mit Spoerri das Festival zu dem gemacht hat, was es heute ist.

Jungen erklärte, dass das Festival über 27 Festangestellte verfüge. Jetzt während des Festivals seien etwa 600 Leute im Einsatz, wovon circa 500 Volontäre seien. Und diese Volontäre seien durchaus nicht nur Studenten, obwohl es diese natürlich auch gäbe. Sie hätten beispielsweise eine Investment-Bankerin, die nun ihr zehntes Festival absolviere, über genug Geld verfüge, den Festival-Job einfach mache, um einmal einer anderen Tätigkeit nachgehen, etwas zurückgeben könne. Eine Geschichte wie aus einem Kinofilm … Auch Flight Attendants seien als Fahrerinnen im Einsatz.

Karl Spoerri spricht u. a. über Eddie Murphy und Oliver Stone

Spoerri ging bei der Frage, weshalb er beim Festival aufgehört habe, darauf ein, wie schwierig es ist, ein solches Festival einmal durchzuführen, geschweige denn 15 Mal. Probleme gebe es immer. Wenn man Probleme suche, dann sei man beim Festival richtig. (Yup, siehe meine Ausführungen zum ZFF Masters oben …).

Für mich etwas überraschend, bekundet Spoerri nicht nur Verständnis für die anfängliche Abneigung der Stadt gegenüber dem Festival, sondern meint sogar, dass er selbst wohl auch so gehandelt hätte

Spoerri ist nun in den USA Filmproduzent, wobei die ZFF-Aufbauarbeit sicher ein enormes Sprungbrett war. Jungen sagt, dass Spoerri nun im dritten Jahr hintereinander mit einem Film, den er produzierte, mit am Start am ZFF sei, heuer mit Thelma, ein Film über eine alte Dame, die auf einen Telefonbetrüger hereinfällt und sich ihr Geld zurückholen will. Letztes Jahr war es der Film Nyad, mit Annette Bening in der Titelrolle und Jodie Foster als Freundin und Trainierin. Der Film war Oscar-nominiert, und mir persönlich hat dieser Film sehr Eindruck gemacht. Er basiert auf dem Leben einer Schwimmerin, die beinahe Unmögliches erreicht hat. Es wird erwähnt, dass das ZFF terminlich sehr gut passe, um Filme für die Award Season zu präsentieren.

Sie sprechen hier über die ZFF Masters und die Ticketpreise für Filmfestivals. Ich habe mir ein Festival-GA für 380 Franken gekauft, was im internationalen Vergleich tatsächlich sehr günstig ist

Film 4 – 15.30 Uhr – Corso 4: The remarkable life of Ibelin

Mats Steen in echt und als seine Spielfigur in World of Warcraft

Der erste Film des Tages war ein Dokumentarfilm, der im Wettbewerb um das goldene Auge gezeigt wurde. Und diese Netflix-Produktion war eine emotionale Tour-de-force. Ich hatte es noch nie erlebt, dass das ganze Kino schluchzte, doch hier war das der Fall. Es geht um einen norwegischen Jungen, eben Mats Steen, dessen Spielfigur Ibelin heisst, welcher an einer unheilbaren Muskelkrankheit litt und mit 25 Jahren gestorben ist – vor ungefähr zehn Jahren.

Ibelin und die Frau, in die er verliebt war

Nach seinem Tod erinnerte sich sein Vater, dass er das Passwort für Mats‘ Blog hatte. Seine Eltern loggten sich ein und stellten fest, dass ihr Sohn doch ein reichhaltiges Leben geführt hatte, viele Freunde hatte und ein Liebesleben führte. Sie schrieben, dass Mats gestorben sei, platzierten für Rückfragen ihre E-Mail-Adresse und waren überwältigt von den unzähligen Zuschriften, die bekundeten, was Mats für sie getan hat und für sie bedeutet.

Für mich als Nicht-Gamer war das vor der Filmaufführung eine etwas merkwürdige Prämisse, doch ich stellte schnell fest, wie real man heutzutage in der virtuellen Welt leben kann. Ich dachte seit dem Schluss des Films immer wieder über ihn nach, er lässt einen nicht los. Und ich frage mich vor allem auch, wie der Unterschied zwischen virtuellem und quasi-realem Leben beschaffen ist und inwiefern die Unterschiede relevant sind. Ein witziges Detail am Rande war für mich alten Wermutwolf, wie beschrieben wurde, wie Spielfiguren sich virtuell mit Wein die Kante gaben, und dann die Herausforderung und der Spass darin bestand, das so spielerisch umzusetzen, dass es möglichst betrunken wirkte. Unbedingter Anseh-Tipp!

Die IMDb-Bewertungen der Community und mir:

Der Film ist wie ein Negroni: bitter-süss und stark.


Film 5 – 18.00 Uhr – Arena 3: The Goldfinger

Vom Kino her war der Wechsel vom Corso 4, wo man dicht-an-dicht im Sessel eingepfercht ist, zum hedonistischen Arena-Saal eine Wohltat. Ein grosses Plus der Arena-Kinos, dass man hier so richtig schön Platz hat.

Auch hier basierend auf wahren Begebenheiten handelt der Film mit dem Bondbösewicht-Titel von einem kriminellen Netzwerk in den 70er- und 80er-Jahren, dessen Niedergang die Börse mit sich reisst und eine langjährige Fehde zwischen Polizei und Gangster nach sich zieht. Der chinesische Film kam in Asien bereits Ende letzten Jahres raus und überzeugt in der ersten Hälfte visuell und erzählerisch auf der ganzen Linie. Er erinnert an Scorseses «The Departed» und «The Wolf of Wall Street», wie auch an den Klassiker «Infernal Affairs», von wo auch der Regisseur und die beiden Hauptdarsteller stammen. Doch in der zweiten Hälfte werden alle diese Vergleiche dem Film leider nicht mehr gerecht. Zu verfahren die Erzählung, zu konventionell das Abspulen der weiteren Handlung. Ein guter Film, zweifellos, doch schlussendlich kein Klassiker.

Die IMDb-Bewertungen der Community und mir:

Der Film ist wie ein Sex On The Beach, durchaus leicht glamourös, aber etwas zu gewöhnlich.


Film 6 – 21.00 Uhr – Arena 3: Heretic

Die beiden jungen Missionarinnen vor dem Haus, in das sie nicht hineingehen hätten sollen …

Zwei junge Mormoninnen möchten Hugh Grants Charakter vom Buch Mormon überzeugen und geraten in Teufels Küche … Ein ganz fieser Reisser, der mich in zunehmend konstanter Anspannung hielt. Inhaltlich interessant, wie dieser Mr. Reed den beiden Girls Entwicklungsgeschichten und Parallelen zu den anderen Religionen erklärt, inklusive den Implikationen, die sich daraus ergeben. Und filmisch ein hervorragendes Thriller-Fest. Ein deutlicher Anseh-Tipp für diesen 1A-Grusler!

Die IMDb-Bewertungen der Community und mir:

Wobei dieser Film eine abgerundete 7, während der «Goldfinger» eine aufgerundete 7 ist.

Dieser Film ist wie ein starker Absinth – es kann sein, dass man vorübergehend um Luft ringt …


Zwischen Film 5 und 6 hatte ich endlich einmal Zeit, mir in Ruhe einen feinen Cocktail zu Gemüte zu führen, und zwar in der neu eröffneten Bar des Loulou-Restaurants-/Hotels.

Das für mich besondere am Cocktail: Er wird mit Aktivkohle gemacht. Das gibt ihm nicht nur diese coole schwarze Färbung, Aktivkohle ist auch noch gesund. Der Drink schmeckte gut und kostete 18 Franken.

Natürlich mit Pop-Corn serviert, es ist ja Filmfestival …

Autor

  • Wermutwolf Daniel Frey

    Ich habe Freude am Schreiben. Und am Trinken. Und am Schreiben, während ich trinke. Während des Vollmondes oder während des Trinkens verwandle ich mich in meine wölfische Urnatur.

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