Heute Donnerstag ging also das «Zurich Film Festival» los. Die drei Filme, die ich mir ansah, standen unter dem Motto «Einsamkeit-Zweisamkeit». Es hatte auch hin und wieder heitere Momente, ging aber grundsätzlich mehr ins Drama.
Film 1 – 14.45 Uhr – Corso 1: Joker: Folie à Deux

Ich hatte gestern ja zu Protokoll gegeben, dass ich von Todd Phillips erneut Grosses erwarte. Und ja, was wollte ich noch erwähnen … Also die Geberit-Toiletten im Festivalzentrum sind echt unglaublich! Äusserst sauber, die Beschriftung lügt nicht, es ist so eine Art Oase, und wenn man möchte, dann spült es einem noch den Allerwertesten … Ok, ihr seht wohin ich steuere … Ich bin enttäuscht. Ja, Joaquin kann steppen und er hat live gesungen, aber davon kann man sich hier irgendwie auch nix kaufen … Nach den ersten ungefähr 15–20 Minuten dachte ich noch wow, eine würdige Fortsetzung, der gleiche düstere Groove wie vor fünf Jahren. Doch ab dann geht es ziemlich bachab.

Es ist ein ähnliches Gefühl wie Anfang Woche, als ich mir Francis Ford Coppola’s neustes 120-Millionen-Dollar-Werk «Megalopolis» anschaute. Ich war enttäuscht und trotzdem auf eine nicht wirklich beschreibbare Art froh, es doch gesehen zu haben. Allerdings gilt das doch noch mehr für «Megalopolis» als für «Joker 2». Belassen wir es einfach dabei, dass der erste Teil ein zu grosses Kult-Meisterwerk ist für eine adäquate Fortsetzung …
Die IMDb-Bewertungen von der Community und mir:

Wenn der Film ein Drink wäre, dann würde ich sagen: Eierlikör. Erinnerungen von früher sind verheissungsvoll, aber wenn man es dann in späteren Jahren trinkt, bleibt nur ein komischer Geschmack im Gaumen hangen …
Film 2 – 18.00 Uhr – Frame 1: My Favourite Cake

Der iranische Film, der mit Kritik an der religiösen Führung des Landes nicht geizt, handelt von einer 70-jährigen Frau, die seit Jahrzehnten verwitwet ist, und der Liebe nochmals eine Chance geben will, indem sie sich kurzerhand an einen Taxichauffeur schmeisst, ihn gleich mit nach Hause nimmt und einen aufregenden Abend erlebt. Faramarz, wie der gleichaltrige, sympathische Kerl heisst, erzählt Mahin beispielsweise, wie er selbst Wein hergestellt hat, als der Alkohol verboten worden sei. Mahin erzählt ihm das Winzersprichwort, dass je grösser die Liebe der Winzer sei, desto besser der Wein werde. Ein Wermutwolf weiss natürlich, dass das mit absoluter Sicherheit der Wahrheit entspricht, entsprechen muss!

Es ist ein schöner Film, feinfühlig erzählt. Nachdem es an der Kinobar endlos dauerte, bis ich mein Bier bezahlen konnte, da bargeldlos und die Terminals halt immer wieder zicken, wie halt alles im IT-Bereich, wie auch immer wieder beim Scannen der Eintritts-QR-Codes, fand ich die eine Szene aus dem Film dann sehr symbolisch. Mahin ging in ein Hotel-Bistro, wo sie schon ewig nicht mehr war. Sie fragt nach der Karte. Der Kellner weist sie an, den QR-Code auf dem Tisch zu scannen. Da Mahin nicht sehr sattelfest mit ihrem Handy ist, bestellt sie etwas, was sie früher jeweils nahm. Das gibt es aber mittlerweile nicht mehr. Der Kellner macht einen Gegenvorschlag, der ihr nicht zusagt. Daraufhin bestellt sie einen Tee.
Auf der einen Seite ein gefühliger Film mit tollen Darstellern, auf der anderen Seite viel (berechtigte) Kritik an den iranischen Sittenwächtern. Die Filmemacher stecken seit längerem im Iran fest, weil ihnen die Pässe abgenommen wurden und diese nicht mehr auftauchten … Beim Cutter wurde eine Razzia vorgenommen und ein Stück vom Film beschlagnahmt, das nun nicht im fertigen Film drin ist. Auch dieser Streifen befriedigte mich nicht so richtig, war aber trotzdem schön zu sehen.
Die IMDb-Bewertungen der Community und mir:

Wenn der Film ein Drink wäre, dann eine Weinbowle mit persischen Gewürzen.
Film 3 – 21.00 Uhr – Frame 2: On Falling

Die Filme wurden im Laufe des Tages immer besser und wie so oft kam das Beste zum Schluss. Dieses englisch-portugiesische Sozialdrama ist der erste Langfilm von Laura Carreira, und er ging mir so richtig unter die Haut. Der Text auf der ZFF-Seite gibt die Handlung perfekt wider:
Die Portugiesin Aurora arbeitet im schottischen Edinburgh als Lageristin in einem Verteilzentrum eines Online-Giganten. Gefangen zwischen dem monotonen Alltag im anonymen Lager und der Einsamkeit in ihrer kleinen Wohnung, droht sie in der Isolation zu verkümmern und sich von sich selbst zu entfremden. Der einfühlsame und bewegend erzählte Film portraitiert die Bemühungen von Aurora, in der von Algorithmen gesteuerten Big-Economy menschlichen Kontakt zu wahren und in Zeiten der Digitalisierung sich selbst nicht zu verlieren.

Auch hier ist also die dunkle Seite der Digitalisierung Thema. Und es ist geradezu gespenstisch inszeniert. Ich weiss nicht, wie oft man die Routine ihres Jobs zu sehen bekommt, dass sie durch die Lagerhaus-Gänge mit dem Wagen läuft, auf der Suche nach den Produkten, die irgendwer online bestellt hat, aber genug oft, um die Monotonie der Arbeit klarzustellen. Zuerst das richtige Gestell finden – Scan. Dann das richtige Produkt – Scan. Dann in den Wagen legen und ein dritter und letzter Scan am Wagen vornehmen. Wenn sie das Produkt nicht gleich findet, beginnt ein Timer-Piepser sie zu drängen. Wenn das häufiger passiert, kommt ein Vorgesetzter und fragt, ob es ein Problem gibt …
Sämtliche Dialoge, die stattfinden, wirken irgendwie verloren und sinnlos, small talk. Einerseits wohl teils wegen Sprachbarrieren, teils auch wegen unterschiedlicher Arbeitszeiten, sodass man sich nie so richtig kennenlernt, doch andererseits auch wegen der eigenen inneren Leere, die sich in einem sinnentleerten Alltag breit macht. Der Film geht mächtig an die Nerven.
Die IMDb-Bewertungen der Community und mir:

Der Film ist wie ein fassstarker schottischer Whiskey – kann einen ganz schön umhauen …
Diesen ersten Festivaltag konnte ich vom Zeitmanagement her relativ gechillt abspulen. Morgen wirds etwas hektischer, da stehen fünf Termine an. Es geht schon am Morgen früh los, mit der Master Class von Jude Law. Insofern mach ich für den Rest nun dalli-dalli, damit ich noch eine Mütze Schlaf kriege bevor es weiter geht …

Die Master Class, oder ZFF Masters, welche ich heute verlinke, ist die, welche ich die unterhaltsamste fand, vom unverwüstlichen Woody Harrelson vor acht Jahren. Enjoy:
Und aus dem Buch hier ein sinngemässer Abschnitt:












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