Nun also der Abschluss der Trilogie über den Mezcalistas.com-Artikel bezüglich der mexikanischen Bauernprotesten und Korruptionsvorwürfen. Es ist ein exzellentes Beispiel, das aufzeigt, welche Geschichten und Dramen sich im Hintergrund der Produkte abspielen, die wir im Supermarkt kaufen. Jegliche Vergleiche mit Latino-TV-Soap-Operas sind rein zufällig und spielen sich nur in beschwipsten Wolfshirnen ab …

Für das Verständnis lohnt es sich natürlich, zuerst Teil 1 und Teil 2 zu lesen. Diesen Eindruck gewinnt man nicht unbedingt, wenn man sich Filme wie «Star Wars 17» oder «Spider Man 25» ansieht. Hier hilft es aber wirklich, Ehrewöde! Nun also rápido ins Finale! Nochmals: Natürlich ist Mexiko bekannt für seine Narcos-Drogenkartelle, die Gewalt und der Einfluss, welcher tief in die Politik greift, doch glaube ich, dass diese Dinge dort nur sichtbarer sind als bei uns, wo alles diskreter vonstatten geht.

Die Mezcalistas-Damen beschreiben, wie die enormen Preisschwankungen, die «Boom-and-Bust-Zyklen» der Agaven, die Misere der Bauern intensivieren. Die Agavenpreise steigen. Die Landwirte pflanzen mehr Agaven an. Weitere Landwirte steigen ins Geschäft ein. Fünf bis sechs Jahre später kommen die ersten Ernten auf den Markt und die Agavenpreise sinken aufgrund des gestiegenen Angebots stark. Ich zitiere Mezcalistas.com:
«In seinem Buch «A Field Guide to Tequila» führt Clayton Szczech ein Beispiel an: Im Jahr 2006 sank der Preis für Agaven auf bis zu 50 mexikanische Cent pro Kilo, aber 2018 lag er wieder bei 32 Pesos pro Kilo, was einem Anstieg von mehr als 6000 Prozent entspricht. Der Preis ist erneut auf ein oder zwei Pesos pro Kilo gefallen, und der Peso ist so schwach wie seit Jahren nicht mehr. Die Landwirte, von denen viele Land gepachtet und sich Geld geliehen haben, um ihre Agaven anzubauen, verkaufen jetzt mit Verlust.»

Seit der Neoliberalisierung in den 80er-Jahren und NAFTA in den 90er-Jahren gibt es bei geringer Nachfrage keine staatliche Unterstützung der Bauern mehr, was selbige an die Revolution zurückdenken lässt. Ich zitiere erneut:
«Im Dezember 2024 stellte eine Koalition aus Agavenführern und lokalen Abgeordneten einen förmlichen Antrag an das Wirtschaftsministerium, die Korruption im CRT (Regulierungsbehörde, Consejo Regulador del Tequila, A.d.A.) und die angeblichen Absprachen zwischen dem Generaldirektor Ramón González Figueroa und Juan Domingo Beckmann, dem CEO von Jose Cuervo, zu untersuchen. Dem Antrag war eine achtseitige, vernichtende Anklageschrift gegen das CRT beigefügt, in der die Korruptionsvorwürfe umrissen werden und die Regierung aufgefordert wird, den angeblich gepanschten Tequila zu testen und Strafmassnahmen gegen korrupte Tequileros – und das CRT – zu ergreifen.»

Vermutlich gibt es für jedes bürokratische Kontrollsystem Methoden, um es zu unterlaufen. Hier sind die Vorwürfe beispielsweise, dass Leute zu Agavenbauern mit leeren Feldern gehen, ihnen die nicht vorhandenen, fiktiven Agaven abkaufen. Das CRT stellt dafür die Dokumente aus, womit die Konzerne illegal gepantschten Tequila verkaufen können.

Eine Seitengeschichte, welche das CRT weiter diskreditieren soll, geht so, dass die Leute von Tequila Matchmaker, welche sich für Transparenz in der Tequila-Industrie einsetzten, 2020 die «Additive Free Alliance (AFA)» gründeten und vom CRT letztlich rüde aus Mexiko vertrieben wurden, mit der Begründung dass es einerseits nicht mehrere Zertifizierungsanstalten geben soll, da dies die Konsumenten verwirre, und andererseits würden gewisse als Additives, als Zusatzstoffe bezeichnete Dinge auch auf natürliche Weise bei der Tequila-Produktion entstehen.

Auf mich wirken die CRT-Argumente gleichzeitig berechtigt aber auch vorgeschoben. Das CRT erlaubt sowieso ein Prozent sogenannter Zusatzstoffe, ohne das deklarieren zu müssen. Ausserdem haben sie selbst so ein Zusatzstoff-frei-Label angewendet, als sie das Programm der AFA übernahmen und «Patron» im Oktober 2023 als solchen Spirit zertifizierten, was die anderen Marken-Besitzer aufgebracht hatte. Patron ging in der Folge einen eigenen PR-Weg, auf dem sie sich halt ohne Zertifizierung als zusatzstofffrei bewerben.

Fakt ist, dass die Konsumenten an Zusatzstoff-freiem Tequila äusserst interessiert sind. Dass das ein wirkliches Problem sein soll, wie man was in Laboren prüft und kennzeichnet, dünkt mich seltsam. Vielleicht ist es ähnlich wie mit so Vielem, zum Beispiel die Doping-Geschichten im Sport. Die Behörden platzieren eine chemische Verbindung auf der Verbotsliste, die Reaktion folgt stehenden Fusses und es gibt einen neuen Stoff, der benutzt wird, um nicht ertappt ins Ziel zu kommen.

Nichtsdestotrotz existieren sicherlich einige Produzenten, die nicht ohne Stolz Tequila oder allgemein Mezcal herstellen, der hauptsächlich aus Agaven und Wasser besteht. Für jene Betriebe sind diese Kontroversen vermutlich ziemlich ärgerlich.
Nur so nebenbei bemerkt: Gestern hatte ich mir wiedermal ein kleines Glas vom «Casa Noble»-Tequila (Reposado) eingeschenkt, welcher früher stets Teil meiner Bar war. Vielleicht war es der Einfluss dieser Thematik, aber er schmeckte mir da plötzlich wie ein plumper Karamell-Sirup mit Alkohol… Ich will es nicht beschwören, weiss es nicht, aber das wäre vermutlich ebenfalls so ein Kandidat, um den sich die Vorwürfe drehen.

Es wird interessant sein, den weiteren Verlauf zu beobachten. Die Agaveros fordern eine Abschaffung der Mixto-Kategorie, des CRT und einen fixen Mindest- und Höchstpreis für Agaven, um die Streitigkeiten zwischen Produzenten und Bauern zu dämpfen. Ich persönlich finde es enorm schwierig, die Situation realistisch einzuschätzen. Aber ich denke, dass es uns Konsumenten gut anstehen würde, möglichst bewusst einzukaufen und wenigstens ab und zu über die Produktionsbedingungen nachzudenken, auch wenn wir vielleicht nicht gleich zu einem fundierten Urteil gelangen. Es lässt das Lebenswasser im Glas noch lebendiger werden, für einen Moment oder zwei, immerhin …

Noch eine Aktualisierung zur Trump-Zölle-Thematik. Wir sprechen hier von 84 % von 400 Millionen Liter Tequila, welches letztes Jahr in die USA exportiert wurde (plus 4,1 % ggü VJ. Beim Gesamt-Export aller Güter sind es auch über 80 %, welche in die Staaten befördert werden). Es geht also um einen Multi-Milliarden-Dollars-Markt. Die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum, seit letztem Herbst als erste Frau – und mit hohen Zustimmungsraten – im Amt, war eine der ersten Staatsoberhäupter, die Trump nach dem Wahlsieg gratulierte. Sie ging von Anfang an den Weg, mit Trump eine möglichst enge, gute Beziehung aufzubauen. Das enthält auch so Details, wie dass sie sich mit dem US-Präsidenten auf Englisch, ohne Dolmetscher, unterhält, im Gegensatz zu ihrem Vorgänger. Das schien sich bezüglich Zöllen auszuzahlen.
Eigentlich existiert zwischen den USA, Kanada und Mexiko ein Freihandelsabkommen (USMCA). Geschätzt die Hälfte der mexikanischen Güter sind in diesem Abkommen enthalten. Das trifft auch auf Tequila oder kanadischen Whiskey zu, welche so von den zusätzlichen Zöllen ausgenommen werden müssten. Sheinbaum und ihrem Wirtschaftsteam schien es in monatelanger Arbeit gelungen zu sein, mit der Trump-Administration eine gute Basis aufzubauen. Auch bei der Golf-von-Mexiko-äh-Amerika-Debatte ging sie nicht in die Offensive, behielt stets die Contenance. Weil man bei Trump aber nie so richtig sicher sein kann, schliesst sie Gegenzölle auch nicht aus.

Und jetzt, am Mittwoch, 9. April 2025, abends hier in Westeuropa, sieht alles wieder anders aus… Der Gegenwind der anderen Länder und die Börsenbewegungen haben wohl dazu geführt, dass Trump nun eine 90-tägige Zollpause verkündete, was aber nicht für China gelte. Wir sind insofern wieder so klug (oder das Gegenteil davon) wie zuvor und harren der Dinge, die da kommen mögen. Es ist durchaus schwierig, Artikel über dieses Thema zu schreiben, wenn sich gefühlt alle paar Minuten die Spielregeln ändern, aber nun gut…
Und nun also wieder eine abschliessende Mezcal-Empfehlung, wie üblich bei uns Gschmäckle-frei, authentisch, korruptionslos:

Heute empfehle ich Euch wieder einen Mezcal meine Lieblingsagave enthaltend, Madrecuishe, resp. «A. Karwinskii». Und diese Flasche enthält für mich einen Schnaps zum niederknien. In der Nase noch relativ unverdächtig frisch-zitrusfruchtig riechend, kommt beim sippen im Gaumen auch das Krautige, Mineralische so richtig durch. Für meine Geschmacksnerven ein fast perfekter Mezcal, alles verkörpernd was ich an dieser Getränkekategorie so liebe. Mit 49 Volumenprozenten nicht schwach auf der Brust, ist es einer dieser Spirits, den ich zu jeder Zeit, zu jeder Gelegenheit gerne zu mir nehme. Gesundheit!











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