«Armagnac» klingt zwar wie ein französischer Troubadour aus den 70er-Jahren, aber es handelt sich um den – zumindest von mir – vernachlässigten Bruder des Cognacs. Auch er ist ein fassgereifter Traubenbrand aus Frankreich. Cognac kenne und liebe ich, darum ist es höchste Zeit zu prüfen, ob ich Armagnac ebenfalls in mein Herz schliessen kann.
Bei unserem Besuch in der Brennerei Humbel hat sich Dani einen Armagnac ergattert, den «VSOP Folle Blanche, Artez (Bio)». Ich habe Dani beschämt gebeichtet, dass ich noch nie Armagnac probiert habe. Grosszügig wie er ist, hat er mir ein Tasting-Sample des edlen Tropfens abgefüllt … denn Wermutwölfe helfen sich.

Wieso hat es Armagnac bislang nicht in meine Spirituosen-Schatztruhe geschafft, obwohl ich Cognac und Traubenbrände mag? Weil ich dachte, der schmeckt wie Cognac. Und dann hat er erst noch diesen schwer aussprechbaren Namen … Ich habe mich allerdings geirrt: Wie bei Geschwistern üblich, gibt es einige Unterschiede zwischen Cognac und Armagnac, denn eineiige Zwillinge sind sie nicht.

Wie Brüder haben Cognac und Armagnac dieselbe Mutter: Frankreich. Sie wohnen hingegen nicht am selben Ort. Beide werden zwar in der südwestlichen Region Nouvelle-Aquitaine hergestellt, liegen aber einige Hundert Kilometer auseinander. Armagnac ist der ältere der beiden: Er ist sogar die älteste bekannte französische Spirituose. Armagnac wurde bereits im Jahr 1461 urkundlich erwähnt.

Der zweite Unterschied sind die verwendeten Traubensorten. Für Armagnac werden unter anderem Ugni-Blanc, Folle Blanche, Colombard und Baco Blanc zu Weisswein vergoren. Im Cognac macht der Grossteil Ugni-Blanc aus, es können aber auch Folle Blanche, Colombard und Sémillon enthalten sein. Der Weisswein für den Cognac ist sauer und kein Genuss, während man den Weisswein aus dem Armagnac-Gebiet auch so trinken kann.
Cognac und Armagnac sind das gleiche? Nein, eben nicht. Tonny (alias Mads Mikkelsen) aus dem dänischen Film Pusher müsste den «Wermutwolf» lesen:
Auch der Brennvorgang ist nicht derselbe: Armagnac wird hauptsächlich in einer kontinuierlichen Kolonnendestillation in einem Vorgang destilliert. Daraus resultiert ein Destillat mit 52 bis 72 Volumenprozent. Cognac wird hingegen in zwei Durchgängen zum Lebenswasser – und zwar in einer Pot Still, wie sie auch beim schottischen Whisky zum Einsatz kommt.
Die typische Destillationsmethode für Armagnac …

Gelagert werden die beiden unterschiedlichen Brüder in Holzfässern. Bei Armagnac sind es meist Fässer mit einem Fassungsvermögen von bis zu 420 Litern. Sie bestehen aus Gascogner schwarzer Eiche. Vor der Verarbeitung muss das Holz sechs Jahre lang lagern. Für Armagnac werden jedes Mal neue Fässer verwendet, Cognac macht es sich auch in gebrauchten Fässern gemütlich.
Gemeinsam ist beiden die Qualitätsbezeichnung:
- VS (Very Special): mindestens 2 Jahre gereift
- VSOP (Very Superior Old Pale): mindestens 4 Jahre gereift
- XO (Extra Old): mindestens 10 Jahre gereift
- Millésime: aus einer einzigen Ernte (aus demselben Jahrgang)
Damit ist das wichtigste zu den familiären Verhältnissen gesagt. Wer gerne mehr über die Armagnac-Produktion erfahren möchte, sollte sich dieses Video anschauen.
Ich hingegen habe Durst und gehe zum Tasting über. Wie erwähnt: Es handelt sich um den «Armagnac VSOP Folle Blanche, Artez (Bio)» mit 40 Volumenprozent aus dem Humbel-Shop. Das Schöne an diesem Tropfen: Er ist weder gefärbt noch mit Zucker versetzt (ja, das darf man beim Armagnac … und auch beim Cognac). Wie der Name verrät, handelt es sich um ein Destillat aus der Folle-Blanche-Traube. Gereift ist er mindestens vier Jahre im Holzfass (VSOP). Getrunken wird ein guter Armagnac am besten pur und bei Zimmertemperatur.
Meine Nase betören Trauben, Pflaumen, Vanille, Eiche, Schokolade, Marzipan, Zimt und Leder. Im Mund schmecke ich Trauben, Holz und Wein. Dieser Armagnac ist süss und weich, allerdings mit einer leicht bitteren Holzwürze und pfeffrigen Schärfe; beides sehr angenehm eingebunden. Das gibt ihm Charakter. Der Abgang ist mittellang, mit Noten von Trauben, Wein, Vanille und Schokolade. Auch der Abgang ist zu Beginn süss, danach kommt eine leicht bittere Holzwürze. Hier gefällt mir die Balance ebenfalls ausgezeichnet. Ein sehr feiner Tropfen.
Fazit: Auch dieses Kind muss man gernhaben
Mein erstes Mal mit Armagnac hat sich gelohnt. Ich mag ihn sogar etwas mehr als seinen kleinen Bruder Cognac. Der verkostete Armagnac ist zwar weniger elegant und geschmeidig als ein Cognac, aber genau das gefällt mir. Er ist rustikaler und hat Ecken, Kanten und viel Geschmack. Als Whisky-Fan mag ich genau das. Somit dürfen künftig sowohl Tweedledum als auch Tweedledee in meine Spirituosen-Schatztruhe … Entschuldigung, treffender wäre: sowohl Alain Delon als auch Jean-Paul Belmondo.












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