Wie jedes Jahr unterbreitet der Wermutwolf Tipps für Weihnachtsgeschenke. Bisher, und auch jetzt wieder, sind das allesamt Bücher. Aktuell legen wir euch das Werk von Tania Brasseur ans Herz. Selbst wenn du oder dein Beschenkter kein Absinth-Konsument bist: Es ist ein Page-Turner! Wie ein Heilmittel zum Rausch der Belle Époque wurde, das Val-de-Travers zum gallischen Dorf des Widerstands mutierte, Schmuggler-Anekdoten – das fesselt ungemein.
Den Wermutwolf gibt es seit dem Vollmond am 5.5.2023. Unsere Weihnachtstipps der Jahre 2023 (Salvador Dalís «Die Weine von Gala»), 2024 («Bier – Die Graphic Novel») und 2025 («Bierwandern Schweiz») sind nach wie vor erhältlich, falls Absinth doch nicht passen sollte. Und falls doch, kann man das tolle Werk, welches zwei Tage vor dem Wermutwolf auf den Markt kam, hier direkt im Helvetiq-Verlag für momentan Fr. 39.90 bestellen.
Dass Wermut und Absinth quasi zeitgleich das Licht der Welt erblickten, ist eine der schönsten Pointen der europäischen Trinkkultur. Beide teilen dieselbe Leitpflanze (Artemisia absinthium, auch Wermutkraut oder Bitterer Beifuss genannt), beide befeuerten das Ritual des klassischen Aperitifs.

Doch während Antonio Benedetto Carpano 1786 in Turin Wein mit Kräutern mazerierte und den süss-herben Turiner Vermouth schuf, passierte im jurassischen Hochtal des Val-de-Travers etwas ganz anderes: Hier wurde destilliert.
Die Autorin handelt sowohl die biologischen Fakten ab, die Medizingeschichte des Wermutkrauts, welches bis zu altägyptischen Quellen zurückverfolgt wird, streift die literarischen Gefilde von Shakespeare bis Charles Cros («Avec de l’absinthe printanière / On peut se consoler de tout.» – «Mit frühlingshaftem Absinth kann man sich über alles hinwegtrösten.») und zeigt verblüffende linguistische Zusammenhänge auf.
Tania Brasseur hat Sprachwissenschaften studiert, bevor sie sich der Literatur zuwandte. In ihrer Dissertation, die sich mit der Figur der Essenden bei Colette befasste, konnte sie ihre beiden Leidenschaften – Essen und Literatur – miteinander verbinden. Als freiberufliche Übersetzerin und Redakteurin war sie vor allem in den Bereichen Umwelt und Kultur tätig. Acht Jahre lang koordinierte sie das Magazin «L’Environnement» des Bundesamts für Umwelt (BAFU). Zudem arbeitete sie als Projektleiterin für Slow Food Schweiz, eine Organisation, die sich für Lebensmittel einsetzt, die «gut, sauber und fair für alle» sind. Derzeit kümmert sie sich unter anderem um den Ausbau des Weiterbildungsprogramms für nachhaltige Gastronomie «Sustineo Academy» in der Westschweiz, wo sie auch selbst unterrichtet. (Dieser Abschnitt stammt von ihrer Webseite und erklärt unter anderem den Rezepte-Teil hinten im Buch …)

Das Buch strotzt nur so vor spannenden Geschichten, und auch die Fotos von Tamara Berger, welche aus dem Val-de-Travers stammt, tragen zur hochwertigen Aufmachung bei. Es eignet sich für Einsteiger in die Materie, doch auch Kenner werden sicher ihre Freude daran haben. Einsteigern empfehle ich nebst unseren Artikeln auch diese SRF-Doku.
Meine Lieblingsthemen im Buch waren, wie es zum fast 100 Jahre langen, auf falschen Annahmen fussenden Verbot kam, respektive wie sich die Bewohner des Absinth-Tals während der Prohibition verhielten, um trotzdem die Brenntraditionen fortzuführen sowie alle diese verrückten Geschichten, beispielsweise wie sich die Weinproduzenten aus Konkurrenzdenken mit der Anti-Alkohol-Bewegung verbündeten oder wie ein Brenner neue Rezepte rein mit Visualisierungen, ohne Probe-Destillationen, umsetzt, direkt in Produktion geht.
Letztlich blieben bei mir nach dem Lesen viele gesellschaftliche, politische Fragen haften. Wie viel strenger wären die Massnahmen wohl gewesen, wenn die öffentliche Hand nicht so hohe Alkoholsteuern pro Liter kassiert hätte (und auch heute noch einsteckt) oder die Polizisten, Richter, etcetera, sich nicht selbst gerne an der grünen Fee gelabt hätten? Gab es in der Zeit des Verbots mehr oder weniger Denunzianten als während der Fichenaffäre herauskam, oder während den Corona-Jahren?
Auch witzige Fragen bleiben unbeantwortet, wie zum Beispiel, wie viele Leute während des Verbots in Gaststätten unwissentlich eine Bestellung aufgaben, die sich als Codewort für Absinth herausstellte und wie viele davon haben dann wohl diesen anstatt einer Ovomaltine oder Milch getrunken?

Zum Abschluss noch ein Appell an die Gastronomie, der sich in mir während der Buchlektüre bildete. Wer heute durch Schweizer Beizen zieht, erlebt beim Apéro oft das Murmeltier-Trauma: Dieselbe lauwarme Bierstange, derselbe klebrige Industrie-Spritz in Neonorange, dazu ein Schälchen ranzige Erdnüsse.
Während das Beizensterben beklagt wird, stirbt in Wahrheit vor allem eines: der Mut zur Kultur. Dabei liegt die spektakulärste, rebellischste und aromatischste Aperitif-Tradition der Welt direkt vor unserer Haustür – wir haben sie bloss vergessen oder verdrängt.
Zeit für ein längst überfälliges Revival. Stellt euch vor, auf dem Holztisch einer Quartierbeiz thront eine gläserne Fontäne. Eiswasser tropft perlengleich ins Glas, der Kräuterduft breitet sich im Raum aus, die Flüssigkeit trübt sich magisch ins Opalgrüne ein. Die Blicke der Nachbartische? Garantiert.
Dazu braucht es kein pseudomondänes Getue: Stellt ein paar Schälchen gute Oliven, baskische Gildas, reifen Gruyère oder ein Pan con Tomate mit Meersalz hin. Schnappt euch eine der phänomenalen handwerklichen Brennereien aus dem Val-de-Travers oder dem Seeland, schult das Personal für zwei Minuten im Wasser-Tröpfeln und zelebriert die Heure Verte.
Es wäre die perfekte Antithese zur geschmacklichen Gleichmacherei. Und ein verdammt stilvoller Grund, wieder mehr Zeit in der Beiz zu verbringen. Cheers!











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