Weekend-Briefing (22)

Viele Wege führen zu einer guten Wochenende-Laune. Heute versuchen wir es mit der alten Verwirrtaktik, bei dem das Bewusstsein mit diversen wirren Botschaften neu ausgerichtet wird. Das im Idealfall leicht angesäuselte Gehirn soll damit derart ins Wabern geraten, dass die Sorgen und Nöte der Arbeitswoche über Bord geworfen werden und sich eine glückselige Unbeschwertheit einstellt …

Eine der heutzutage etwas geringgeschätzten Vorteile des Alkoholkonsums liegt darin, die verbissene Konzentriertheit, den strengen Tunnelblick der Arbeitswoche zu lobotomisieren, um das wilde, pralle, intuitive, hedonistische Leben, was noch in einem steckt, auszubuddeln, zu befreien, um sich wieder ganz zu fühlen, lebendig zu sein.

Selbstverständlich gibt es dafür auch unzählige andere, zeitgenössische Methoden, wie frühmorgens mit einem Matcha-Latte den Tag in Yoga-Posen zu begrüssen. Darüber sollen jedoch Medienangebote wie Vogue, GQ, etcetera berichten. Nun denn, frisch ans Werk!

Schritt 1: Versuche zu entziffern, was auf dem Untersatz steht:

Genau: Das Zitat «Der Wein ist die edelste Verkörperung des Naturgeistes.» stammt vom deutschen Dramatiker und Lyriker Friedrich Hebbel (1813–1863). Hebbel hat das Drama psychologisiert. Seine Figuren sind keine reinen «Guten» oder «Bösen», sondern innerlich zerrissene Menschen. Er verliebte sich in Wien in die gefeierte Burgtheater-Schauspielerin Christine Enghaus und heiratete sie 1846. Die Ehe brachte ihm endlich die ersehnte emotionale Stabilität, finanzielle Sorgenfreiheit und gesellschaftlichen Aufstieg.

Schritt 2: Nimms mit Humor

Wir bleiben in Wien. Die Kabarettistin Aida Loos feiert am 24. Oktober im Volkstheater Wien die Premiere ihres neuen Stücks «freudloos». Ein Ausschnitt aus dem Kurier (Juni 2026):

Frage Dich, was die Alternativen sind. Fitnesscenter. Matcha-Latte. Yoga. Selbstoptimierung. Selbstgespräche. Fussball schauen. Endgeräte-Doomscroll. Shopping-Sucht. Warum genügt das nicht? Im Kurier schreibt sie über die ach so besorgten Mitmenschen:

Aber die anderen sorgen sich schon um Sie? Wie schmeichelhaft. Die Bourgeoisie hat die Enthaltsamkeit entdeckt, wie sie stets alles entdeckt: Als Statussymbol. Lassen Sie mich raten, wer da besorgt die Stirn runzelt: Jene, deren verwegendstes Laster ein zweites Stück Torte ist, das sie im nächsten Moment in einer App entsühnen. Die nur mit alkoholfreiem Sekt anstossen, dem traurigsten Getränk aller Zeiten.

Überlege Dir, wie elend Du Dich jetzt mit einem Glas alkoholfreiem Sekt fühlen würdest und freue Dich darüber, dass das nicht so ist und dass Wochenende ist!

Schritt 3: Wermutwölfe kennen die Comic-Version unseres Wappentieres. Schau Dir nun dieses rohe, unbearbeitete, unbeholfene KI-Video an und frage Dich, wie das mit dem Wolfspaar wohl weiter gehen wird:

Zwischenspiel: Du musst jetzt was?

Dich gut festhalten:

Okay, aber an was? Beim Reiten? Oder soll das heissen, Du sollst Dich gut halten in Bezug auf Aussehen, kognitive Fähigkeiten und so?

Schritt 4: Du überlegst Dir, wie der Papst wohl seinen Wein segnet

Dieser Artikel beschreibt, dass Papst Leo der Vierzehnte die 5000 Flaschen des ersten Jahrgangs seines Weinbergs in Castel Gandolfo segnete. Als ahnungsloser Nicht-Katholik frage ich mich, mit welchen Worten er die Segnung vollzogen hat. Vielleicht mit diesem Zitat aus der Bibel?

Schritt 5: Du überlegst Dir, ob man am selben Tag zweimal betrunken werden kann:

Netzfund

Ich lehne mich jetzt mal aus dem Fenster und behaupte, dass die Textstellen links von der Frau und die rechts vom Mann stammen. Er behauptet also, dass er zwischendurch ein Nickerchen gemacht habe. Danach war er wieder nüchtern, bevor er sich erneut betrunken hat. Ist das glaubhaft? War so jemand wirklich zwischendurch nüchtern? Wir wissen es nicht …

Schritt 6: Du überlegst Dir, wie wichtig der Alkohol für die menschliche Gesellschaft ist

In diesem Artikel «The civilising wonders of wine» argumentiert der Kultur- und Getränkejournalist Henry Jeffreys, dass der aktuelle Rückgang des Alkoholkonsums im Westen weit mehr ist als nur ein Gesundheitstrend. Er sieht darin das schleichende Verblassen eines jahrtausendealten, gemeinsamen zivilisatorischen Erbes. Der Autor hält gegen die Denormalisierungspropaganda und zitiert den Philosophen Roger Scruton, für den Wein nicht bloss Teil der Zivilisation ist, sondern die Zivilisation selbst.

Jeffreys verweist auf das Buch «Drunk» von Edward Slingerland, das die den Wermutwölfen bekannte These aufstellt: Der Mensch erfand den Ackerbau und den Städtebau überhaupt erst, um eine regelmässige Versorgung mit Bier und Wein zu sichern – nicht umgekehrt. Alkohol wirkte in den ersten grossen menschlichen Siedlungen als unverzichtbarer sozialer Klebstoff, der egoistische Primaten dazu brachte, sich zu entspannen und Fremden zu vertrauen.

Jeffreys argumentiert, dass die westliche Literatur, Kunst und Musik ohne Alkohol kaum denkbar wären. Er zieht eine Parallele zur heutigen Zeit: Wenn heute Filmen, Büchern und Popmusik oft die Kreativität fehle, liege das neben Smartphones auch am Mangel an alkoholbefeuerter Geselligkeit. Ausserdem war Alkohol historisch immer der soziale Katalysator für die Partnersuche. Mit dem Rückgang des gemeinsamen Trinkens und dem Siegeszug von Smartphones und Online-Pornografie sinke im Westen auch die Bereitschaft für echte, analoge Intimität – was sich auch in den einbrechenden Geburtenraten widerspiegele.

Eine Welt ohne die durch Alkohol befeuerte Geselligkeit wird vielleicht sicherer und produktiver sein, aber sie wird auch deutlich einsamer, isolierter und schlichtweg langweiliger. Jeffreys plädiert dafür, wieder mehr rauszugehen, sich in Pubs und Bars zu treffen, miteinander zu flirten und zu diskutieren – weil der ständige, ungezwungene menschliche Austausch die eigentliche Triebfeder unserer Kultur ist.

Schritt 7: Du siehst Dir dieses Foto an, das ich am Ufer des Pfäffikersees von mir gemacht habe und überlegst Dir, inwiefern der Zerrspiegel dieser neuen Bar mein Look verändert hat:

Eine dieser zwei möglichen Antworten ist zutreffend:
– «Offenbar hattest Du da noch keinen Drink. Ergo wirkst Du etwas belastet.»
– «Ich hatte ab und zu die Artikel Deiner Alkoholdiät gelesen. Vermutlich macht Dich dieser Spiegel schlanker?»

Schritt 8: Du überlegst Dir, weshalb das Inserat für dieses alkoholfreie Bier mit dem Claim «Isotonisch» wirbt:

Ein Getränk gilt als isotonisch, wenn es die gleiche Konzentration an gelösten Teilchen (wie Mineralstoffe, Vitamine und Kohlenhydrate) besitzt wie unser menschliches Blut – das sind etwa 280 bis 300 mosmol/Liter. Weil das Druckverhältnis dadurch ausgeglichen ist, kann der Körper die Flüssigkeit und die Nährstoffe besonders schnell und ohne energetischen Aufwand im Darm aufnehmen. Fällt der Alkohol weg, wandert das Zusammenspiel aus Wasser, Hopfen und Malz natürlicherweise sehr nah an den isotonischen Bereich heran.

Die enthaltenen Mineralstoffe (wie Magnesium und Kalium) sowie die leicht verdaulichen Kohlenhydrate machen es zu einem echten Regenerationsgetränk. Selbst bei den alkoholfreien Varianten ist nicht jedes Bier automatisch isotonisch. Einige Sorten (vor allem süssliche Malzbiere oder manche alkoholfreie Craft-Biere) enthalten zu viel Restsüsse und sind dadurch immer noch hypertonisch.

So weit zur Erklärung der Sachlage. Doch warum wird damit nun geworben? Damit sich die Selbstoptimierer und Fitnessfanatiker dazu hingezogen fühlen? Damit man sich nach einem Marathon anstatt eines typischen Sportgetränks oder Wasser ein kühles Bier gönnt?

Netzfund

Schritt 9: Du überlegst Dir, ob es nicht vernünftigere Möglichkeiten gäbe, schlank zu sein, ohne damit ganze Wirtschaftszweige zu ruinieren.

Dieser Artikel aus «The Drinks Business» beschreibt detailliert, wie der Boom von Abnehmspritzen (GLP-1-Medikamente wie Ozempic, Wegovy und Mounjaro) die Gastronomie- und Alkoholbranche in Grossbritannien massiv unter Druck setzt. In Grossbritannien nutzen bereits 4 bis 7 % der Erwachsenen (ca. 2,1 bis 3,7 Millionen Menschen) diese Medikamente zur Gewichtsreduktion. Die Nutzerzahlen verdoppeln sich von Jahr zu Jahr.

Die Medikamente verlangsamen die Verdauung und dämpfen das Belohnungszentrum im Gehirn, was Heisshunger und auch die Lust auf Alkohol bremst. 39 % der Nutzer trinken seit Beginn der Behandlung generell weniger Alkohol; 23 % trinken gezielt weniger, wenn sie ausgehen. Zudem konsumieren 33 % weniger kohlensäurehaltige Softdrinks. Da rund 24 % der britischen Erwachsenen angeben, dass sie die Nutzung solcher Medikamente für die Zukunft in Betracht ziehen, steht die Gastronomie vor einem dauerhaften Wandel.

Wäre vielleicht eine vernünftigere Art, Gewicht zu verlieren, nur noch Bier zu trinken? Dieser Instagram-Post behandelt die Paulaner-Mönche, die in den 1600er Jahren in Bayern während der Fastenzeit auf jegliche feste Nahrung verzichteten. Um die 40 Tage zu überstehen, brauten sie ein starkes, nährstoffreiches Bier, das sie «flüssiges Brot» nannten – vollgepackt mit Kohlenhydraten, um sie durch das Fasten zu bringen.

Im Jahr 2011 stellte der Journalist J. Wilson dieses Fasten nach. Er nahm die gesamten 46 Tage der Fastenzeit über keine feste Nahrung zu sich und trank ausschliesslich diesen Bierstil. Währenddessen liess er sich wöchentlich vom Arzt durchchecken. Das Ergebnis: Er verlor rund 12 Kilogramm und bezeichnete die Erfahrung als lebensverändernd. Die Paulaner Brauerei wurde 1634 gegründet und existiert noch heute. Und ja – das Bier steht nach wie vor auf der Karte (als der berühmte «Salvator» Doppelbock).

Schritt 10: Du überlegst Dir, wie geil das ist, wenn man als Pop-Sternchen im Grossmutteralter für ein neues Album einen eigenen Wodka-Partner dafür bekommt:

Schritt 11: Du überlegst Dir, inwiefern Alkohol (auch die Gastronomie) enthemmt.

Kürzlich trank ich in einem asiatischen Restaurant nach dem Essen einen Mei-Kuei-Chiew (Rosenblatt)-Schnaps mit 54 Alkoholprozenten. Erkennst Du, was auf dem Boden des Tässchens zu sehen ist?

Und jetzt?

Zwischenspiel, wenn wir schon bei kleinen Ferkeleien sind: Du versuchst zu erkennen, welcher Film in dieser SchleFaZ-Folge mit unzähligen Bieren schöngetrunken wurde:

Genau: «Pudelnackt in Oberbayern». Du überlegst Dir, warum dieses Machwerk bei älteren Semestern wie mir so bekannt ist.

Schritt 12: Du überlegst Dir, was in einem Mückenschwarm abgeht:

Hast Du genau hingesehen? Genau: Die, welche von links nach rechts fliegen nehmen Bestellungen auf, die von rechts nach links bringen das Bier und die von unten nach oben das Hochprozentige.

Zwischenspiel: Du überlegst Dir, wie dreieinhalb Gramm Kokain pro Coca-Cola-Flasche Deine Performance bei der Arbeit verändern würde.

Zwischenspiel: Du überlegst Dir, welche Drogen Johnny Depp, John Cusack und Hunter S. Thompson wohl intus hatten, als sie bei dieser Aufnahme mit der Sexpuppe 1996 den Sunset Strip entlang gefahren sind:

Schritt 13: Du überlegst Dir, welcher Rolling Stone cooler ist, Mick oder Keith:

«Unglücklicherweise kannst du ab einem gewissen Alter nicht mehr Unmengen von Drinks und Drogen konsumieren. Unglücklicherweise. Denn es macht eine Menge Spass.»

Ich hörte kürzlich in einem Podcast, wie exzessiv Mick Jaggers mobiles Fitness-Center auf Tour sei. Es scheint ihn ja auch tatsächlich in Form zu halten.

Und doch dünkt mich Keith Richards ungleich cooler, der – soweit das akkurat ist – sagte, dass drei seiner Ärzte meinten, dass er innert weniger Monate sterben werde, wenn er so weitermache, und er an der Beerdigung von allen Dreien war …

Mötley Crüe-Schlagzeuger Tommy Lee war gerade im Podcast von Joe Rogan zu Gast. Er erzählte davon, wie sie irgendwann (er konnte sich nicht erinnern, wann es genau war …) Vorgruppe der Rolling Stones waren. Nach ihrem Set liessen Mick, Keith und Ronnie ihn in ihre Garderobe kommen, circa 20 Minuten, bevor die Stones auf die Bühne mussten. Tommy führte aus, wie die Stones immer einen Barkeeper engagiert hatten, der ständig Drinks mixte und wie die Rock-Legenden gut beieinander waren. Er dachte, dass die rollenden Steine so niemals ein Konzert spielen könnten. Doch sie konnten und es sei gewesen, wie wenn ein Schalter umgelegt worden sei und die Stones rockten und rollten …

Schritt 14: Vorstellungskraft

In Nordirland hat Lidl in einem seiner Läden ein Pub eröffnet. Du überlegst Dir nun, wie ein Pub oder eine Bar im Geschäft, wo Du meistens einkaufst, aussehen würde. Meins wäre vermutlich eine Tiki-Bar mit Vulkanlandschaft, Swimming Pool und Live-Bands. Man gönnt sich ja sonst nichts. Tiki-Bar beim Shopping-Center, da war doch was …

Es gibt ja fast nichts mehr, was es nicht gibt. Beispielsweise ein Champagner-Drive-In

Schritt 15 – das grosse Finale: Fackeln und Heugabeln; Zeter und Mordio!

Dieser Instagram-Post thematisiert den Frankfurter Bierkrawall von 1873. Die Frankfurter Bierbrauereien erhöhten den Bierpreis von 4 auf 4 1/2 Kreuzer. Es folgen Ausschreitungen. Der Schlachtruf «Mir wolle Batzebier!» (Ein Batze = 4 Kreuzer) hallte von tausenden Protestierenden und Plündernden durch die Gassen. Das Militär schritt ein, woraufhin 20 Menschen ums Leben kamen, auch Unbeteiligte. Die Bierbrauereien zogen darauf die Preiserhöhung zurück.

Bevor Du Dir nun überlegst, was es denn heutzutage bräuchte, damit die Leute in unseren Breitengraden sich so zur Wehr setzen, sei erwähnt, und so steht es auch im Beitrag, dass Bier ein Grundnahrungsmittel und sauberes Trinkwasser rar war. Allerdings ist dabei zu beachten, dass auch heute das Wasser immer belasteter wird. Die Definition von «sauberem Wasser» verschiebt sich gerade drastisch. Während unser Wasser biologisch (also frei von Bakterien oder klassischen Giften) hervorragend ist, stehen wir aktuell vor der unsichtbaren Herausforderung der sogenannten Ewigkeitschemikalien (PFAS). Während sich die Belastung mit lang- oder kurzkettigen PFAS durch den Konsum von Bier im Vergleich zu Wasser nicht wirklich unterscheidet, kann man mit dem Trinken von Schnaps die Belastung dieser Gifte doch signifikant vermindern. Was will ich damit sagen? Überlegs Dir selbst …

Aus 20min.ch

Was machen solche Meldungen mit Dir? Paris ist ja nicht so weit weg von Berlin oder Zürich. Apropos Berlin: In Deutschland soll die Alkoholsteuer massiv erhöht werden. Du besorgst Dir jetzt Fackeln und Heugabeln und wartest auf Anweisungen in den nächsten Weekend-Briefings! Cheers! Du bist jetzt parat für das Wochenende und auch für die kommende Revolution …

Autor

  • Wermutwolf Daniel Frey

    Ich habe Freude am Schreiben. Und am Trinken. Und am Schreiben, während ich trinke. Während des Vollmondes oder während des Trinkens verwandle ich mich in meine wölfische Urnatur.

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