Diese Woche war «Welttag des Gin» (11. Juni). Zu diesem Anlass übergeben wir das Wort jemandem, der sich bestens damit auskennt – Ed, der Alkohol-Historiker.
Ich freue mich stets, wenn Ed in meiner Insta-Timeline aufploppt, denn die kurzgehaltenen Geschichten, die er erzählt, sind immer interessant und lassen tief (ins hochprozentige Glas) blicken. Wenn er beispielsweise erklärt, wie die Queen Mum Alkohol vernichtete (es gab ein Trink-Club – «Windsors Wet»), fühlt man sich wie in einer Wermutwolf-Episode über André the Giant oder Oliver Reed.
Der gute Mann publizierte kürzlich eine sechsteilige Serien namens «Gin: Eine Herkunftsgeschichte», die wir nun für Euch hier zusammenfassen. Wer die englische Sprache gut beherrscht, kann sich natürlich auch direkt die Lernvideos vom Meister anschauen. Enjoy!
Teil 1
Die ersten (medizinischen) Wacholder-Destillate stammen nicht aus UK, obwohl die Queen Mum offenbar unzählige davon vertilgen konnte, sondern von Benediktinermönchen aus Norditalien. Diese wandten arabische Techniken dabei an, welche sie in einem Buch namens «Compendium Salernita» protokollierten. Getrunken wurde es zum Beispiel bei Beschwerden mit der Leber («Das hat vermutlich nicht geholfen…»), dem Magen («vermutlich auch nicht wirklich hilfreich»), der Nieren («könnte hilfreich sein, da harntreibend …») und gegen die Pest.

Wacholderschnaps wurde irgendwann zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert erfunden, wenngleich man die Anfänge von Jenever, bzw. Genever ins 16. Jahrhundert datiert. Die frühesten Erwähnungen von etwas, was wir als Gin-ähnlich wahrnehmen würden, entstand 1495 in den Niederlanden, Belgien und der Romandie und enthielt Muskatnuss, Zimt, Galgant (eine asiatische Pflanze aus der Ingwer-Familie, die man fürs Kochen und in der Kräutermedizin verwendet), Paradieskörner (Samen einer westafrikanischen Pflanze, ebenfalls aus der Ingwer-Familie), Ingwer (eben…), Nelken, Salbei, Kardamom und Wacholder. Der Drink verbreitete sich rasch in Europa und fand dann letztlich in England seine Wahlheimat.
Teil 2
«Dutch Courage» (holländischer Mut) ist ein Begriff, von dem die wenigsten wissen, woher er stammt. Während des Englisch-Spanischen Krieges (1585 – 1604), entsandte Königin Elisabeth 7400 Soldaten, um den Niederländern im Kampf gegen ihre spanischen Herrscher beizustehen. Diese Truppen beobachteten, wie sich die holländischen Soldaten vor den Gefechten Mut antranken – mit besagtem Genever. Und so brachten die Briten anschliessend dieses «Dutch Courage»-Getränk mit nach Hause.
Teil 3
Ende des 16. Jahrhunderts wurde Genever in England noch vorwiegend medizinisch konsumiert. Ihre damals bevorzugten Drinks waren Bier und französischer Brandy. Die primären Informationen aus dieser Zeit stammen vom gefeierten Tagebuchautor Samuel Pepys. Als Hypochonder notierte er, was er sich zur Gesundung alles einflösste, was nicht sonderlich wissenschaftlich beschaffen war, sondern einfach, was ihm irgendwelche Leute so empfohlen hatten – darunter besagter Wacholderschnaps.
Teil 4
Nach zwei Jahrhunderten von religiösen Unruhen, endete man in England mit einem unpopulären katholischen König, James II. Die damaligen führenden Politiker erzwangen König James’ Flucht nach Frankreich und luden William of Orange (James’ Neffe) und Mary (James’ protestantische Tochter, William’s Frau) ein, König und Königin von England und Schottland zu werden. Daraus entstand die konstitutionelle Monarchie sowie die Grundrechte-Charta. Etwas vom Ersten, was William unternahm, war Frankreich den Krieg zu erklären. Die Franzosen waren natürlich nicht erfreut, was eine Knappheit des dortigen Brandys in UK zur Folge hatte. Die Briten fanden bei ihrem medizinischen Wacholderschnaps Ersatz, was der Lieblingsdrink von William war, und so wurde Genever in Massen aus Holland importiert.
Teil 5
Als König William III. kinderlos starb, ging der Thron zu seiner Schwägerin Anne über. Diese wird wegen der Anmerkungen ihrer vermutlichen Ex-Liebhaberin Sarah Churchill historisch nicht sehr vorteilhaft dargestellt. Dies wurde später dank ihrer Verdienste für das britische Imperium aber weitgehend korrigiert. Jedenfalls war Anne offenbar einem guten Drink nicht abgeneigt, was ihr den Spitznamen «Brandy Nan» eintrug. Ihre Verdienste für die Verbreitung des Gins (und anderer Destillate) waren, dass sie eine Charta rückgängig machte, die nur einer kleinen Auswahl von Brennern das Recht einräumte, in Westminster, London und Umgebung alleine Lebenswasser herzustellen und zu vertreiben. Innert kürzester Zeit entstanden so unzählige weitere Destillerien und befeuerten den Siegeszug des Gins («Gin Craze»).
Teil 6
Ein Buch von Bernard Mandeville aus dem Jahre 1714 verwendete erstmals das schon länger gebräuchliche Wort «Gin», welches angetrunken halt einfacher als «Genever» auszusprechen ist. Während der ersten ca. 30 Jahre des 18. Jahrhunderts war Gin komplett unreglementiert und steuerfrei. Er hatte auch nicht viel mit den heutigen Gin-Produkten gemein, war billiger als Bier, eher krude, mit unappetitlichen, ungesunden Beigaben gemacht und zog nicht selten eine Erblindung der Konsumenten nach sich.

Die Folge-Serie zu «Gin: Eine Herkunftsgeschichte» heisst nun «The Gin Craze». Davon existiert erst:
Teil 1
Der durchschnittliche Bürger in London trank im Schnitt ein halbes Pint Gin pro Tag (knapp drei Deziliter!). Die Informationen zu dieser Zeit und diesem Thema sind spärlich, aber man geht davon aus, dass in jedem zweiten Haus eine «gottlose Gin-Kreation» in Kupferbrennblasen gebrannt wurde. Die Folgen auf die englische, vor allem weibliche Bevölkerung (die erstmals Zugang zu hartem Alkohol hatte), wurden schon mit dem Einfluss von Crack in amerikanischen Ghettos verglichen. Die Todesraten begannen, die Geburtenzahlen zu übertreffen. 75 % der Neugeborenen starben vor ihrem fünften Lebensjahr. Der Journalist Daniel Defoe («Robinson Crusoe») schrieb anfänglich noch Lobeshymnen auf den Gin, änderte dann aber wegen dieser Verhältnisse seine Meinung.

Im nächsten Teil gehe es dann darum, wie die Politik auf die schlimmen Folgen des Billig-Gins reagierte und wie die Bevölkerung dagegen rebellierte … Es bleibt spannend, ich hoffe, Ihr bleibt da auch dran und dass Ihr Ed’s Kanäle abonniert. Cheers!











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