Rückblick: «Tag(e) des Schweizer Bieres» 2025

Am vergangenen Wochenende wurde wieder dem Schweizer Gerstensaft gehuldigt. Der eigentliche Tag war der Freitag, 25. April. Doch dem Branchenprimus Feldschlösschen reicht ein Freitagabend nicht. In Rheinfelden wurde der ganze Samstag lang Party gemacht.

Mein Kollege Sascha war von meinem Wolfsgeheule über den immer weiter sinkenden Bierkonsum in der Schweiz offenbar so bewegt, dass er sich die Mission Bierrettung auf die Fahne geschrieben hat. Ein ganzes Jahr lang bringt er uns 52 Bierstile nah. Guter Mann! Wir sind Beer-Geeks und waren kürzlich wie üblich am Zürich Bier Festival zu Gast, um die dort überschäumend vorgeführte Vielfalt zu feiern. Umso mehr schämte ich mich, bisher noch nie in meinem Leben bei der grössten und bekanntesten Schweizer Brauerei Feldschlösschen gewesen zu sein, die seit einem Vierteljahrhundert zu Carlsberg gehört. Das konnte ich nicht mehr auf mir sitzen lassen …

Letztes Jahr schaute ich am «Tag des Schweizer Bieres» bei Dr. Brauwolf vorbei, dessen Biere ich sehr schätze. Dieses Jahr spulte ich ein krasses Kontrastprogramm ab. Wie erwähnt ging ich am Samstag zur grossen Schlossparty in Rheinfelden. Am Freitag hingegen – noch in Feierlaune nachdem der ZSC am Vorabend seinen Meistertitel verteidigte – besuchte ich eine kleine Genossenschaftsbrauerei an der Zürcher Weststrasse und trank halt so Gsöff

Die Mikrobrauerei heisst wirklich so, «Gsöff», und als ich sie zwei Tage danach auf DER Bierplattform Untappd eingab, stockte mir kurz der Atem. Synchronizitäten-Alarm!

Bei der letzten globalen Aktivität stand zuoberst mein Name, zugegeben keine Rarität, und dieser Dude trank gerade ein «Julie – Pink Pils» zu Hause – genauso wie ich das ebenfalls gerade tat. Denn natürlich hatte ich mich beim Gsöff-Besuch am Schluss noch mit ihren Bieren eingedeckt. Nebenbei bemerkt wohnt der Typ mit dem schicken Namen auch nur eine Viertelstunde von mir entfernt.

Jedenfalls war dieser Freitagabend-Besuch beim Gsöff sehr sympathisch abgelaufen. Anfangs war ich der einzige Gast, wohl bedingt durch das ziemlich unangenehme Hudel-Wetter, doch dann trudelten zunehmend weitere Bierliebhaber und Bekannte der Brauer ein. Das Tasting machten wir ungefähr zu viert, fünft, während andere Leute sich am Töggeli- oder Flipperkasten amüsierten.

Zwei Leute liessen es an diesem «Tag des Schweizer Bieres» nicht nur bei einer Brauerei bewenden. Das ist der wahre Sportsgeist, der auch beim Zürcher Bierfestival zu beobachten war, wenn teils Personen mit den ausgedruckten Bierlisten von Stand zu Stand zogen, und degustierte Biere abstrichen. Manchmal sollte man über sich herauswachsen. Ein Shaolin-Mönch pflegte dem Publikum in der Hocke zu erzählen, dass es eigentlich erst so richtig interessant werde, wenn die Beine zu zittern beginnen. Beim geneigten Bier-Trinker ist es dann halt ein generelles, unspezifisches Zittern am ganzen Körper, haha.

Die Biere schmeckten mir gut, doch für mich persönlich kam das Highlight danach, bei der Verkostung des Ingwer-Likörs. Ich kannte schon einige andere Ingwer-Likör-Produkte, und oft fand ich den Ingwer-Geschmack zu penetrant. Dieser jedoch ist herrlich und die Flasche, die ich ebenso erwarb, wird wohl erschütternd schnell geleert werden … Auch ihr Ingwer-Bier ist überhaupt nicht aufdringlich bezüglich des scharfen Knollens.

Auch der Bierbrand schmeckte sehr gut!

Das «Gsöff» ist genossenschaftlich organisiert. Fünf Leute im Vorstand, welche die Arbeit verrichten, halten den Laden dank knapp 50 Genossenschafter am Laufen. Und das offenbar nicht schlecht. Der Gewinn wird jeweils gespendet, aktuell an eine Organisation, welche Asylanten anwaltliche Hilfe zukommen lassen.

In Bälde wird das Gsöff-Unternehmen umziehen. Hier an der Weststrasse war es aber durchaus gemütlich-charmant. Es gibt darin noch einen Nebenraum, wo sich eine Künstlerin verwirklicht, und auch die stylishe Tasche, die ich mitbekommen habe, ist ein hauseigenes Kunstwerk:

Auf meine Frage, ob es ein Ziel sei, dass man irgendwann davon leben könnte, meinte Techniker und Brauer Livio, der hauptberuflich im Solarenergiegeschäft ist, dass er diesen Hobby-Approach lieber habe und dass es wohl nicht mehr so viel Spass machen würde, nicht mehr so viel Herzblut dabei wäre, wenn man das Bier herstellte, um die Rechnungen bezahlen zu können. Das leuchtet mir zwar durchaus ein, andererseits stelle ich es mir trotzdem schön vor, mit Bier brauen die Brötchen verdienen zu können.

Livio bei der Arbeit

Ich stelle es mir auch gigantisch vor, für den Wermutwolf eventuell irgendwann hauptberuflich tätig sein zu können, viel mehr Zeit dafür zur Verfügung zu haben. Aber eben, da ist natürlich ein guter Schuss Romantik mit dabei und viele Brauer verdienen nicht sehr viel Geld. Wir verfügen in der Schweiz zwar über mehr als 1100 registrierte Brauereien, wovon viele nur ein paar hundert Liter pro Jahr produzieren, doch 98 Prozent des hiesigen Bieres stammt von lediglich 50 grösseren Brauereien.

Und circa 40 % davon stammt vom Schlossunternehmen aus Rheinfelden. Ungefähr jedes vierte Bier ist ein Feldschlösschen. Sie mussten letztes Jahr zwar ebenfalls einen Rückgang des Bierumsatzes hinnehmen (-1 %), dieser fiel jedoch weniger stark als im Gesamtmarkt (-1,4 %) aus. Und die im Trend liegenden alkoholfreien Bieren machen mittlerweile schon 9 % aus (Gesamtmarkt CH: 7 %). Auch bei den Craft-/Spezialbieren erzielten sie ein Wachstum (+3 %), sie erachten diesen Markt nun allerdings als ziemlich gesättigt.

Ich wusste also, dass Feldschlösschen gross ist (1200 Mitarbeiter an 22 Standorten), und ging aufgrund des Programms mit Konzerten (u.a. Ritschi, Ex-«Plüsch»), Oldtimer-Ausstellung, Kutschenfahrten, und so weiter davon aus, dass nicht wenige Besucher hinpilgern würden. Dass es dann aber sogar deren 10’000 waren, hätte ich nicht erwartet.

Bei der Degustationsbar (man kriegte hierfür beim Eingang Gutscheine) war Geduld gefragt. Und auch bei den zahlreichen Food-Ständen musste man anstehen, doch eigentlich ging es trotzdem relativ flott voran. Wir hatten uns nicht für Würste, Burger, Pizza oder dergleichen entschieden, sondern für, äh, Raclette, wohl zum letzten Mal bis zum nächsten Winter … Nespresso war auch vor Ort und schenkte Gratis-Kaffee aus, während Bell einen Grillmeister-Contest abhielt. Gute Marketingleistung, diese starken Marken für den Anlass zu vereinen.

Ritschi hat den Groove

Ich persönlich mag die Valaisanne-Biere lieber als Feldschlösschen, die ebenfalls zum Konzern gehören, trank mich dann aber doch seit langem wieder einmal durch die Sorten des verbreitetsten Bieres der Schweiz. Das IPA, Pils und Weizen sind für meinen Gaumen ganz in Ordnung. Ich hoffe, dass ich in einer Coop-Filiale noch die diesjährige Kreation der Lehrlinge im Regal vorfinden werde, ein Amber Ale mit Orangenschalen. Bisher hatte ich kein Glück. Doch ich bin kein Heuchler: Ich bevorzuge ganz klar die meisten kleineren Craft-Bier-Brauer, die halt auch ebenso klar mehr aus der Masse herausragen als die dem Mainstream gefälligen Feldschlösschen-Produkte.

Die Führungen hätte ich natürlich vorgängig klarmachen sollen, die waren bei unserem Eintreffen samt und sonders ausgebucht. Der «Brauerweg» war aber auch toll gemacht.

Jede Zutat und jeder Vorgang wurde ausführlich beschrieben und wir durften beispielsweise auch von der Hefe, dem Jungbier oder der Vorderwürze probieren, was bei Letzterem schön süss-malzig schmeckte.

Die Besucher vergnügten sich an zahlreichen Spielen, diejenigen mit genug Nerven beim Harassenstapeln. Viele Besucher kamen stilgerecht mit der alten Dampflokomotive zum Event. Traditionsreiche Vergangenheit und Moderne gehen hier Hand in Hand. Nächstes Jahr feiert die Firma ihr 150-Jahre-Jubiläum und ich bin schon gespannt, ob sie dieses Grossereignis dann noch toppen werden.

Ich mochte beide Tage gleichermassen. Mein Herz schlägt mehr für kleinere Craft-Brauer, aber das Rheinfeldner Bier-Disneyworld ist auch cool. Das eine tun und das andere nicht lassen. Hauptsache wir engagieren uns dafür, die hiesige Bierkultur zu stärken oder zumindest zu bewahren. Dann ist schon viel gewonnen. Ich weiss, an uns Wermutwölfen soll es nicht scheitern … Cheers!

Autor

  • Wermutwolf Daniel Frey

    Ich habe Freude am Schreiben. Und am Trinken. Und am Schreiben, während ich trinke. Während des Vollmondes oder während des Trinkens verwandle ich mich in meine wölfische Urnatur.

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Wer Sorgen hat, hat auch Likör.»

Wilhelm Busch

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