Mit dem Ende des «Dry January» endet für viele Menschen wieder die Zeit der verknöcherten Selbstdisziplinierung. Gut so! Der Februar hat heuer nur 28 Tage. Genug für das pralle Leben …
Im ersten Monat des Jahres wird mittlerweile allerorten auf alles mögliche verzichtet, Fleisch, Alkohol, jedwelche Genüsse. Und natürlich eignet sich diese Zeit auch, um medial den Feldzug gegen den Alkohol weiterzuführen. Tagesschau.de titelte beispielsweise am 19. Januar 2025: «Das Gerücht um das vermeintlich gesunde Gläschen». Wie hier wird einem seit längerem um die Ohren gehauen, dass die früheren Studien, die zum Fazit gekommen sind, dass moderater Alkoholkonsum das Wohlbefinden fördern kann, völlig falsch angelegt waren. Einige Forschende würden ausserdem von der Alkoholindustrie finanziert. Die WHO fordert gar keinen Alkohol.

Ich wundere mich immer wieder zutiefst darüber, wie man übersehen kann, wie gut der Seele –und damit der Gesundheit – Genuss und Rausch tun kann. Dass man sich nicht ständig ins Koma saufen sollte, müsste eigentlich jedem vernunftfähigen Menschen klar sein. Dass man sich sprichwörtlich aber manchmal verlieren muss, um sich wieder zu finden, ebenfalls. Ich möchte nun den Genuss- und Wortakrobaten von «falstaff» die Bühne überlassen. In der letzten gedruckten Ausgabe des Jahres 2024 fand Autor Denis Scheck vorzügliche Formulierungen für unser heutiges Thema.

«Nicht nur was die deutsche Wirtschaft anlangt, gilt: Die fetten Jahre sind vorbei. Ob Dry January oder Veganuary – die Zauberformel des Jahres 2024 lautet: Mit ohne.» Später fährt Herr Scheck fort: «Omelettes ohne Eigelb. Saucen ohne Butter. Kuchen ohne Mehl und ohne Zucker. Nudeln ohne Kohlenhydrate. Suppen ohne Salz. Joghurt ohne Fett. Schinken und Steaks wird der Fettrand abtrainiert, Geflügel die Haut abgezogen, ja am besten proklamiert man überhaupt gleich Kochen ohne Knochen, lässt die Sau raus und verzichtet auf Fleisch. Die Deutschen der Gegenwart wollen Essen auf Diät, dekonstruiert, reduziert und entschlackt oder wenigstens reloaded in Version 2.0 oder 3.0, auf light, ultralight oder am besten gleich auf Zero getrimmt. Und dazu bitte ein Mineralwasser – selbstverständlich ohne.»

Herr Scheck erläutert dann, wie sich neulich eine kleine Runde von zehn Leuten entwickelte, die er zum Abendessen eingeladen habe. Die Aufzählung, was er seinen Gästen alles aufgetischt hatte, erinnerte mich sehr an den Kultfilm «Das grosse Fressen» mit Marcello Mastroianni, Michel Piccoli und Philippe Noiret … Dann endet sein Text furios: «Um halb zwei waren acht Magnumflaschen geleert und alle liessen sich nach Hause fahren, und zwar so, wie es sich nach einem fast siebenstündigen Gelage gehört: kugelrund und sturzbesoffen. … Keine Festkultur ohne Exzess. Deshalb feierte die Antike masslose Feste wie die Saturnalien. Wie soll im Alltag das Mass finden, wer nie die Masslosigkeit lebt? Vernünftig bleibt auf Dauer nur, wer gelegentlich die Vernunft in den Wind schlägt.»

Auch die Onlineversion von «falstaff» hat sich um den Diskurs rund um das Thema verdient gemacht. Am 29. Januar 2025 fragten sie im Titel rhetorisch: «Dry January: Ging es beim Trinken nicht mal um Genuss?» Ein Textausschnitt daraus: «Es ist fraglos bewundernswert, wenn jemand sich ein Ziel setzt und das dann auch erreicht. Und es lässt sich überhaupt nichts dagegen einwenden, wenn Menschen die Finger von etwas lassen, das ihnen nicht gut tut. Nur scheint hier etwas zu kippen: Vor lauter gesundheitlichen Vorteilen, die unsere saisonalen Wassertrinker auf einmal im Alkoholverzicht entdecken, scheint etwas anderes völlig aus dem Blick zu geraten: Idealerweise trinken wir Alkohol nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern für den Genuss.»

Autor Moritz Hackl schliesst seinen Artikel mit Verve: «Wenn der Griff zum Glas aber keine Routine ist, dann ist er Genuss. Und der ist selbst eine Art des Verzichts. Wenn man sich in einem Café auf die Terrasse setzt, das Glück hat, ein paar der raren Winter-Sonnenstrahlen abzubekommen und dazu einen perfekt temperierten Riesling trinkt, der verzichtet auf etwas. Auf Verpflichtungen, auf Realität, auch auf Ernst. Mit Blick auf die Nachrichtenlage scheint das nicht das Dümmste zu sein, was man tun kann. Und das nur nebenbei: Genuss ist nicht nur gut für unsere Psyche, sondern auch gesundheitsfördernd. Gesetzt er ist echt.» Dem ist nichts hinzuzufügen. Wohl bekomms, Cheers!












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