Ich muss Zeugnis ablegen, gestehen, zu meiner Schande: Als Zürcher war ich vorher noch nie in der Zürcher «Widder Bar». Zum Glück hat sich das nun geändert! Nicht umsonst ist dieser Whisky-Tempel weltberühmt.
Es war Freitagnachmittag und ich war mausbeinallein im gesamten Bürokomplex. Heuballen wehten durch die Gänge und in der Ferne war das Geheul eines einsamen Kojoten hörbar. Na ja, das nicht gerade, aber es hätte zur Situation gepasst. Da überkam mich ein Moment der Klarheit: Leg die Arbeit nieder und gönn Dir was! Am besten einen feinen Cocktail. Oder noch besser: Zwei Cocktails! Hell, it’s Friday!
Gesagt, getan. Ich fragte mich, welche Cocktailbar bereits jetzt, gegen 15.30 Uhr, geöffnet hat. Natürlich am ehesten Bars, die zu einem Hotel gehören. Ich ging eine Liste der besten Zürcher Cocktail-Bars durch und brauchte nur ein paar Sekunden, um meine Wahl zu treffen. Die legendäre «Widder Bar». Keine Ahnung, weshalb ich da noch nie drin war. Eigentlich ein unentschuldbares Vergehen.

Ich bog von der Bahnhofstrasse in Richtung Widdergasse ab, wo mich auf einem grossen Schaufensterplakat die noch immer sehr attraktive Julia Roberts anlächelte, vorbei an einer Kirche aus dem 13. Jahrhundert, und dann war es endlich so weit; ich stand vor dem berühmten Lokal. Von aussen deutet nicht viel auf den Luxus im Inneren, abgesehen von den Michelin-, Gault-Millau-Plaketten (bspw. «Gault & Millau Guide-Sommelier des Jahres 2024», Stefano Petta) und so beim Eingang.
Als ich eintrete, ist mir bewusst, wie geschichtsträchtig die Adresse ist. Demütig nehme ich an einem Tisch unter zig Whiskyflaschen, neben dem Klavier, Platz und sauge die Atmosphäre auf. Natürlich hat es gut betuchte Gäste, man hört oft Englisch, sieht Businessmeetings im lockeren Rahmen.

Die Whisky– und die Cocktailkarte sind sehr interessant. Selbstverständlich fokussiere ich mich auf die Signature Cocktails. Der «Area Code» sticht mir gleich ins Auge, der sowohl einen 12-jährigen Glenfiddich als auch einen 16-jährigen Lagavulin enthält. Zu Hause käme es mir nie in den Sinn, mit Single Malts einen Cocktail zu mixen. Da kann ich nicht widerstehen, den bestelle ich als Erstes. Zusammen mit Marsala (ein sizilianischer Likörwein), Schokolade und Angostura Bitters ergibt sich ein wahrlich göttlicher Trank! Ich bin mehr als begeistert.

Ich mustere die anmutige Holzdecke sowie die übergrosse Widder-Statue im Eingangsbereich. Als ich in der Whiskykarte stöbere, fallen mir fast die Augen aus dem Kopf! Ich erblicke einen 50-jährigen Glenfiddich. 4 cl davon kosten läppische 8000 Franken! Nein, das ist kein Tippfehler. Acht Mille! Ich bin Zürcher und mir ist bewusst, wie viele Menschen hier ein- und ausgehen, für die solch einen Betrag wie für unsereiner eine Zehnernote ist, aber trotzdem, meine Güte …

Sascha hat besagten Edel-Glenfiddich auf eBay entdeckt; für schlappe CHF 47’000.- gibt es dort noch eine 7-dl-Flasche zu ersteigern, Stand 5. März 2024. Angenommen die Widder Bar würde diese Flasche ersteigern, könnte sie damit CHF 140’000.- umsetzen, sprich einen Gewinn von CHF 93’000.- erwirtschaften. Mit einer einzigen Flasche! Verrückt…

Nun gut, ich habe keine Ahnung, ob es wirklich so viele reiche Leute gibt, die sich ein Glas Whisky für CHF 8’000.- bestellen. Ausserdem muss man natürlich noch die Ausgaben für die Immobilie, Löhne, etc. abziehen. Trotzdem viel Schotter für eine einzige Flasche.

Der zweite Cocktail, den ich mir gönne, heisst «Tomaten auf den Augen». Es war eine Challenge. Ich bin überhaupt nicht der «Bloody Mary»-Trinker und Tomaten habe ich lieber in einer Suppe als in einem Cocktail. Dieser Drink enthält Mezcal, Tomatenkonfitüre, Limetten, Kräuter und Ginger Ale. Ich war skeptisch, doch weit gefehlt, auch dieser Cocktail schmeckte absolut himmlisch! Mit gesalzenem Glasrand genoss ich jeden einzelnen Schluck davon sehr bewusst. Vielleicht ein klein wenig zu bewusst, da der wunderbare Drink mit der Zeit etwas vom Eis verwässert wurde und an Magie einbüsste, wenngleich er auch dann noch mundete.

Die «Widder Bar» bewegt sich in einer preislichen Liga wie bspw. die «Bar am Wasser», das muss man sich schon bewusst sein. Für die beiden Cocktails bezahlte ich mit einer 50er-Note. Aber das war es definitiv wert! Ich werde wiederkehren, und falls ich einst reich werden sollte, werde ich dort eine Runde 50-jährigen Glenfiddich schmeissen. Ehrewöde!











Kommentar verfassen