Mein erstes Mal – Sotol

Als grosser Mezcal-/Tequila-Fan war es eine Frage der Zeit, bis ich mich am mexikanischen Schnaps versuchte, der nicht aus Agaven gemacht wird – sondern aus der sukkulenten Wildpflanze Dasylirion, deren 23 Arten meistens noch länger brauchen, bis sie reif sind, dafür im Gegensatz zu Agaven nicht nur einmal blühen. Geschmacklich nah bei Mezcal/Tequila ist es nicht überraschend, dass mich auch Sotol augenblicklich begeisterte.

Obwohl die Pflanzen in 20 mexikanischen Staaten heimisch sind, darf Sotol gemäss der Ursprungsbezeichnung 2002 nur aus den drei Bundesstaaten Durango, Coahuila und Chihuahua stammen, wobei primär letzterer Staat dafür bekannt ist. Doch auch ennet der Grenze, in Texas und Arizona, wird Sotol hergestellt, was die Mexikaner nicht sonderlich gut finden, gelinde gesagt.

Die Ureinwohner stellten schon vor ca. 800-900 Jahren einen fermentierten Sotol-Saft her, der jedoch mehr an Bier erinnerte. Gewisse Quellen sprechen von ersten Sotol-Produkten vor tausenden von Jahren. Die Destillationstechnik brachten frühe philippinische Einwanderer im 16. Jahrhundert mit. Viel später soll dann Gerüchten zufolge Al Capone während der Prohibition Sotol aus Mexiko in die USA geschmuggelt haben.

Eine Pflanze ergibt genau eine Flasche Sotol. Wie Agaven sind auch Sotols Spargelgewächse, und auch bei den Dasylirions werden die Blätter weggeschnitten, um an die Piña, das Herz der Pflanze zu kommen, das dann erhitzt, zerkleinert und gepresst wird. Und wie bei Mezcal/Tequila wird auch beim Sotol in die Kategorien ungelagert (Blanco), ein paar Monate gelagert (Reposado) und über ein Jahr im Eichenfass gelagert (Anejo) unterteilt.

Ich liess Kollege Sascha wissen, dass mein Beitrag auch in unsere Rubrik «Promi(lle) im Glas» passen würde, da einer der zwei Sotols, die ich bestellt hatte, mit dem Konterfei des Musikers Lenny Kravitz beworben wird: «Nocheluna». Als Lenny 2021 mit Jennifer Lopez den Film «Shotgun Wedding» drehte, gab ihm jemand Sotol zu trinken. Lenny kannte Sotol noch nicht, doch es schmeckte ihm. 2022 fand dann bereits der Launch von «Nocheluna» statt. Ich fragte ChatGPT, was Lenny denn effektiv mit dem Produkt zu tun habe. Antwort:

Nach meiner rüden Intervention liess ChatGPT aber das Geschwurbel und schien froh zu sein, nun eine ehrliche Antwort geben zu dürfen:

Lenny war offenbar einmal Creative Director bei «Dom Pérignon». Ausserdem ist er mit Alexandre Ricard, dem Chef des gigantischen Konzerns Pernod Ricard (Ballantine’s, Absolut, The Glenlivet, Havana Club, Malibu, Kahlua, Ramazzotti, Lillet, Monkey 47 und viele, viele mehr) befreundet, die zusammen mit Casa Lumbre diesen Sotol herausbrachten. PS: Mit dem Antlitz des siebenfachen Formel-1-Weltmeisters Lewis Hamilton wird «Almave» beworben, ein alkoholfreier Agaven-Spirit (kreisch!!!), woran Pernod Ricard und Casa Lumbre eine Minderheitenbeteiligung haben – das nur als bizarre Randnotiz erwähnt…

Eine andere leicht schräge Randnotiz ist, dass Lenny gemäss Eigenaussage erstmals zuviel Alkohol hatte, als er erst fünf oder sechs Jahre alt war, bei Verwandten, mit Manischewitz. Für Nicht-Juden: Das ist ein süsslicher Wein für das Kiddusch-Ritual.

Ich hatte mich in Vorbereitung für diesen Artikel durch alle Alben von Lenny seit den Nullerjahren durchgehört. Als Teenager fand ich seine ersten drei Werke sehr cool. Naja, das kann ich von sämtlichen Nachfolgern nun leider so gar nicht mehr behaupten … Aber Musik ist ja wie auch alkoholische Getränke bekanntlich Geschmacksache.

Und auch Filme sind Geschmacksache …

Ich habe die beiden (Blanco-)Sotols wie üblich zuerst pur und dann als Cocktails verkostet. Mit «Nocheluna» begonnen, mochte ich den Drink von Sotolero Don «Lalo» Eduardo Arrieta mit seinem mineralisch-fruchtig-minzigen Geschmacksprofil, trotz seiner bescheidenen 43 Umdrehungen sehr gut. Mit seiner smoothen Geschmeidigkeit liegt dieser Sotol näher bei Tequila als bei den eher wilderen, stärkeren Nicht-Tequila-Mezcals.

Bei den Cocktails hielt ich mich an die Varianten der Webseite von «Nocheluna». Ich schüttelte mir zuerst einen «Luna Roja», wenngleich nicht mit Birnenpurée sondern -saft. Die Kreation enthält auch «Ancho Reyes», ein würzig-scharfer mexikanischer Chili-Likör, der mit 40 Alkoholprozenten für einen Likör ziemlich stark ist. Muss man mögen … Ich liebe den Cocktail! Grossartig!

Der zweite Cocktail, den ich mit «Nocheluna» mixte, war der «Desert Cooler», der den Sotol ganz simpel mit Zitronenlimonade vermengt. Auch diese Kreation ist superlecker und lässt einen frühzeitig vom Sommer träumen.

Der zweite Sotol, «Coyote Triunfo Del Desierto Chihuahua», mit 12 bis 15-jährigen Dasylirion-Pflanzen gebrannt, hat mit 50% Alkohol deutlich mehr Power und schmeckt mir auch viel besser. Trotz seiner Stärke wirkt er süsslich-weich, mit einem schönen, leicht pfeffrig-rauchigem Abgang. Sehr, sehr lecker!

Auch mit diesem Sotol machte ich mir einen Cocktail aus der «Nocheluna»-Seite, der «Fly Away», und auch dieser enthält «Ancho Reyes», nur dieses Mal mit Ananas und mit mehr Limettensaft als beim «Luna Roja» vermischt, und im Gegensatz dazu auch ohne Zuckersirup. Und so war mir diese Kreation letztlich zu sauer. Schade, aber zwei von drei ist ja auch okay.

Fazit: Ich empfehle euch sehr, Sotol zu versuchen, vor allem wenn euch Mezcal zu heftig ist. Es gibt schon auch abenteuerlich-wilde Sotols, die Schlangengift, Marihuana oder Peyote enthalten, doch vermutlich kaum in den hier gängigen Shops …

Meine letzten Mezcal-Einkäufe waren grösstenteils weit überdurchschnittlich schmackhaft, da kommen diese zwei getesteten Sotols nicht ran, und der «Nocheluna» ist meines Erachtens mit fast 90 Franken auch zu teuer, angesichts dessen dass der Kojoten-Schnaps fast halb so viel kostet. Doch meine Sotol-Reise hat erst gerade begonnen, es gibt noch viel zu entdecken.

Natürlich hat bei mir ein Lebenswasser mit einem Kojoten auf der Etikette auch gleich einen Sympathie-Bonus. Kojoten und Wölfe sind eng miteinander verwandt und können zusammen sogar fruchtbaren Nachwuchs zeugen. Kojoten sind einfach schlanker und wendiger. Insofern, ja, bin ich halt schon mehr Wolf als Kojote …

Autor

  • Wermutwolf Daniel Frey

    Ich habe Freude am Schreiben. Und am Trinken. Und am Schreiben, während ich trinke. Während des Vollmondes oder während des Trinkens verwandle ich mich in meine wölfische Urnatur.

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