Der Wermutwolf ist näher bei Bier und Spirituosen als beim Schaumwein. Doch im Dezember pirschten wir uns an die Thematik ran – volle Champagner-Kanne! Und in wenigen Tagen ist unser Silvester-Video online, in dem Sascha und ich uns durch fünf Schaumwein-Länder zuprosten. Stösschen!
Während unserem Schaumwein-Crashkurs-Monat zurrten wir gleich zu Beginn den Aufhänger, respektive die Frage für unser Silvestervideo fest: Wird uns der x-fach teurere Champagner besser schmecken als die massiv günstigeren Varianten aus Deutschland (Sekt), Spanien (Cava), Italien (Prosecco) und der Schweiz?

Als wir dafür einkaufen gingen, entschieden wir uns beim Champagner für «Moët&Chandon». Da ich mir vor kurzem im Kino den Film «Veuve Clicquot» angeschaut hatte, worin der Herr Moët quasi der Bösewicht ist, welcher der Wittwe Clicquot (1777–1866) das Weingut abluchsen will, habe ich mir zusätzlich auch noch eine Flasche «Veuve Clicquot» angeschafft, sogar zusammen mit chicem Kühltäschchen – was man natürlich auch für eine Dose Bier oder dergleichen verwenden kann…

«Wie lieb und luftig perlt die Blase / Der Witwe Klicko in dem Glase.»
Wilhelm Busch
Mir gefiel der Film ausgezeichnet, ich mag die düstere Romantik und die exzellenten Darsteller. Man hätte vielleicht die verschiedenen Innovationen der Wittwe für die Schaumweinindustrie noch mehr hervorheben können und das Filmende kam etwas abrupt, doch ansonsten empfehle ich euch dieses cineastische Erlebnis sehr. Regisseur Thomas Napper lernte das Handwerk zum Beispiel als Second-Unit-Regisseur bei «Stolz & Vorurteil». So bewegte er sich bei diesem Film, der im ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert spielt, auf vertrautem Terrain.
Seit dem Jahr 1987 gehören «Moët&Chandon» und «Veuve Clicquot» zum selben Weltkonzern. Damals fusionierte Moët Hennessy mit Louis Vuitton zum gigantischen Luxusgüterkonzern LVMH. Verzeichnete die Nummer 1 im Luxusgütersegment 2009 noch einen Umsatz von 17,05 Milliarden Euro, fand bis 2023 mehr als eine Verfünffachung auf über 86 Milliarden Euro statt.

Grundsätzlich werden noch immer viele Champagnerflaschen verkauft, 2023 waren das über 216 Millionen Flaschen à 0,75 Liter. Was allerdings ein Rückgang von über 20 Millionen Flaschen bedeutete. Bei LVMH betrug der Rückgang beim Champagner (auch «Krug», «Dom Pérignon» etc. gehören in ihr Portfolio) im ersten Halbjahr 2024 15 Prozent (gegenüber 1. HJ 2023). Der Markt ist im Umbruch. Klimatisch sind die Bedingungen mittlerweile in England fast besser als in der Champagne – auch wenn sich britischer Champagner natürlich nicht so nennen darf.

Selbstverständlich wird marketingtechnisch dagegengehalten, mit allerlei Prominenz, Nachhaltigkeitsbegriffen und so weiter. Der Markenwert von «Moët&Chandon» beträgt noch immer 1,4 Milliarden Dollars. «Veuve Clicquot» folgt dahinter mit einer Milliarde. Und Barbe-Nicole Clicquot-Ponsardin stand am Beginn dieser steilen Markenkarriere, als sie mit 27 Jahren im Jahr 1805 das Champagnerunternehmen mit einem jährlichen Absatz von 100’000 Flaschen übernahm und es äusserst klug weiterentwickelte.
Wegen der napoleonischen Kriege war das Exportieren von Waren sehr schwierig. Ihrem Unternehmen gelang das mit Eingehen von bewussten Risiken sehr gut. 1822 eröffnete sie dann sogar noch eine Bank. Bei ihrem Tod war der jährliche Verkauf bereits bei 750’000 Flaschen angelangt. Seit 1972 wird jedes Jahr der «Veuve Clicquot Business Award» (BWA) verliehen.
Was im Film auch zu kurz kommt, ist die Tatsache, dass Barbe-Nicole aus gutem Hause kam und eine entsprechende Erziehung geniessen konnte. Das wird im Film eher verschwiegen, sodass der Eindruck einer US-Tellerwäscher-Geschichte entsteht. Ihr Ehemann und sie entstammten wohlhabenden Textilunternehmen-Familien, die Nachbaren waren. Ihre Ehe – trotz aller Romantik im Buch/Film – war arrangiert worden, um die Firmen zu stärken.

Das sogenannte Rüttelverfahren, bei dem die Hefe entfernt wird, die den Champagner trübte, wurde von ihrem Kellermeister Anton von Müller erfunden. Erst dadurch konnte dem Schaumweinprodukt ein Premium-Etikett angehängt werden.
Im Sommer 2010 entdeckten finnische Taucher im baltischen Meer 168 Flaschen Champagner. Diese wurden zurück nach Frankreich zu Analysenzwecken geschickt. 46 Flaschen wurden als «Veuve Clicquot» identifiziert. 2015 fand ein Tasting statt, bei dem verschiedene Flaschen noch immer trinkbar waren, dank der dunklen Kälte auf dem Meeresboden. Eine fast 200-jährige Flasche «Veuve Clicquot» brach den Rekord für die teuerste Champagnerflasche, die je verkauft worden ist (abgesehen von solchen Diamanten-Flaschen, von denen Sascha kürzlich berichtete). 2011 wurde für die Buddel 30’000 Euro hingeblättert.
Und nun zum Tasting, respektive dem Geständnis: Ich verstehe total, weshalb gewisse Leute auf diesen Champagner stehen, doch für mich Schaumwein-Laien muss ich trotzdem klar konstatieren, dass ich die Unterschiede zwischen den verschiedenen Champagner-Marken für relativ vernachlässigbar halte. Kein Vorweggreifen des Silvestervideo-Tastings, doch so viel sei gesagt: Mein Favorit kam nicht aus der Champagne …
Ich kann mich mehr für Cocktails begeistern, also begann ich mit all dem Sprudelwein Cocktails zu mixen. Drei Kreationen begeisterten mich sehr. Der «Corpse Reviver No. 2» ist einer meiner Favoriten. Die Nummer drei hingegen ist auch nicht schlecht und enthält nebst Absinthe und Zitronensaft eben Champagner.

Noch toller fand ich den «Moët Margarita», der nebst Schaumwein noch Orangenlikör, Limettensaft, Tequila, Zuckersirup und Salz enthält. Jammy!

Und der «Champagne Supernova» schmeckte mir am besten. Nur drei Zutaten: Champagner, Portwein und Bourbon.

Und nun, wiedermal das Beste zum Schluss, noch ein Rezept für einen sommerlichen Obstsalat mit Champagner. Entdeckt habe ich es im kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch «Trinken wie ein Dichter – 99 Drinks mit Jane Austen, Ernest Hemingway & Co.». Die Kreation stammt von Literatin Getrude Stein und ihrer Geliebten Alice B. Toklas. Ich weiss nicht, ob sich die vielen Promis wie Hemingway, Picasso oder Matisse im Pariser Salon der beiden Ladies an diesem köstlich klingenden Obstsalat laben konnten – doch ich könnte es mir gut vorstellen. Hier ist der besagte Buchausschnitt:













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