Am Freitag, 23. Oktober war es wieder soweit. Die alljährliche Absinthe-Brunnentour ist mein Lieblingsanlass. Von Brunnen zu Brunnen laufen, feine Absinthe-Abfüllungen kennenlernen, viel über das Getränk, Wasserversorgung und Historien zu lauschen, aufgepeppt mit Quiz-Fragen und eingetütet mit Grilladen – einfach grossartig!
Wie immer bleiben Ort und Namen in den Berichten zu diesem Event anonym. Eine treffende Parallele zur vergangenen Illegalität der grünen Fee (die auf falschen Annahmen fusste). Vorsichtig ist die Mutter der Absinthekiste. Trotzdem scheint es immer mehr Interessierte zu geben, und so wurde in der Woche zuvor eine separate Tour für Frischlinge durchgeführt. An dieser fünften Durchführung war ich zum dritten Mal dabei.

Der Mond war noch nicht ganz voll, wirkte aber bereits so. An der frischen Luft zu sein, wie man so schön sagt, war hier wörtlich zu nehmen. Teilweise war es schwierig, Master of Ceremony Tobi bei diesem stürmischen Wind zu verstehen. Sein Glöckchen, das erklingt wenn er uns etwas sagen möchte, war aber stets gut hörbar. Und wie schon vorletztes Jahr, gab es einen Brunnen, der unerwartet nicht mehr lief, was für Tobi bedeutete, seine Notizen umzusortieren.

Im Laufe des Abends entstanden in dieser gmögigen Gruppe wieder spannende Gespräche über Krankheit und Schicksal, Trennung und Neubeginn oder auch bekannte Straftäter – wie man so schön sagt; über Gott und die Welt. Und da wurde mir erneut bewusst, wie wichtig gemeinsame Kneipenbesuche oder eben solche Trink-Wanderungen für unser soziales Gefüge sind, und was bei gewissen jüngeren Segmenten wegfällt, bei denen soziale Interaktion mehr im virtuellen Raum geschieht.

Natürlich kann man sich auch zu Kaffee und Kuchen austauschen, aber ihr wisst ja wie es ist: Alkohol ist und bleibt ein soziales Schmiermittel und Zungenlöser. Kinder und Betrunkene sprechen die Wahrheit. Dazu empfehle ich euch bereits jetzt die Lektüre des «Trinkgeschichten»-Artikels von nächster Woche, in dem Kollege Sascha die Zechgelage von Stalin gewohnt unterhaltsam aufbereitet …

Deshalb einmal mehr: Ja, bewusster Genuss geht voll in Ordnung, und auch meine Absinthe-Mengen werden an den Brunnen jedes Jahr etwas geringer (beim ersten Mal hatte ich als gestandener Wermutwolf die Wirkung noch unterschätzt …), doch warne ich davor, dem Rausch den Sinn abzuschlagen. So vieles enthält Alkohol. Teils Bananen um die 0,6 % Vol., der Halsspray, den ich gerade benutze, sogar 23,5 % Vol.

Als es in den Wald hineinging, gab es vermutlich den Einen oder Anderen, der dachte, dass das bei diesem Wetter eine mutige Route ist. Doch wir hatten Glück, das Gewitter zog vorüber, sodass wir das Programm durchziehen konnten, bis wir am Ziel, in der Waldhütte, beim letzten Brunnen ankamen – dem einzigen Naturbrunnen auf dieser Tour, welcher nicht von der Verwaltung abgestellt werden kann.

Ein würdiger Schlussort, denn hier ist wie im grossen Vorbild Val-de-Travers eine Flasche versteckt. Spätestens seit ich kürzlich Tania Brasseur’s Buch «Absinth – Reise ins Land der grünen Fee» gelesen habe (unser diesjähriger Weihnachtsgeschenke-Tipp!), ist mir klar, dass ich auf jeden Fall dorthin reisen muss, wo alles begann. Und die Bilder, welche mir Tobi bei diesem Schlusspunkt der Tour gezeigt hat, intensivierten diesen Wunsch noch zusätzlich.

Apropos: Diesen feinen Absinthe aus Creux du Van (Val-de-Travers), hatte ich mir im Nachgang zur Tour auch bestellt:

Wenn man auf die Webseite dieses Orts geht, erscheint es noch unglaublicher, was es hier in diesem schönen Land alles zu bestaunen gibt. Was für ein Panorama! Von mir zu Hause aus in knapp drei Stunden erreichbar. Ich besuchte einst den Grand Canyon, wusste aber nichts von diesem ungewöhnlichen Felsenkessel in der heimischen Schweiz, auch wenn das natürlich ein abenteuerlicher Vergleich ist. Eine Reise dorthin ist auf meiner Bucket List jedenfalls ganz weit oben platziert!

Und um den Tourführer angemessen zu würdigen: Vielen Dank Tobi! Das ist jedes Mal ganz grosse Klasse, wie Du Dich vorbereitest, Informationen in der Gemeinde einholst, ein sinnvolles Gefährt für den Transport der wertvollen Fracht organisierst, Proviant einkaufst und so weiter. Und das alles zum Freundschaftstiefstpreis von 30 Mücken, inkl. Absinthe à discrétion …

Sehr lustig fand ich die Geschichte über die Gemeindemitarbeiterin, bei der du versucht hast, herauszufinden, was eine bestimmte Brunnen-Inschrift zu bedeuten hat. Heraus kam so einiges an Spekulationen, doch keine definitive Antwort. Schon witzig, wie die Zuordnung schon bei so mehr oder weniger jungen Artefakten für Mühe bereitet, und doch glauben wir oft perfekt Bescheid zu wissen, was die Leute vor beispielsweise 10’000 Jahren erschaffen haben …
Vielen Dank auch an Tannchen für die coole Merchandising-Überraschung. Ohne diesen Hoodie mit dem Tourflyer-Aufdruck hätte ich mit Sicherheit gefroren:

Auf dem Nachhauseweg runter in die Zivilisation kehrte ich mit zwei Telnehmern zusammen noch ins hiesige Pub ein. Dort war gerade Oktoberfest-Halligalli angesagt. Bier und Dirndl nach grüner Fee und Stirnlampen. Ein ziemlicher Kontrast, doch der Bier-Schlummi zum Ausklang tat gut.
Leider musste ich meine Gedankenlosigkeit büssen. Ich hatte zwar einen Schal dabei, zog ihn aber nicht an, und so wachte ich am nächsten Tag mit Halsschmerzen auf… Aber das war es mehr als wert! Ich freue mich schon auf nächstes Jahr!











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