In den 80er-Jahren gab es die Werbung von «Pepsi Cola», die völlig neutrale Passanten (LOL) dazu aufforderte, «Pepsi» mit «Coca Cola» im Blindtest zu verkosten. Und – oh Wunder – «Pepsi» wurde dabei stets als schmackhafter taxiert. Der «Wermutwolf» hält nicht viel von Zuckerbrausen (oder 80er-Jahre-Frisuren oder oller Werbung), wir machen den Test mit Kräuterlikör.
«Chartreuse» ist ein uralter Kräuterlikör, der im Laufe der Zeit vor allem für Mixologen immer wichtiger wurde, in der Cocktail-Branche nicht mehr wegzudenken ist. Der konstant steigende Bedarf hat die Mönche, welche die Liköre in Gelb und Grün nach geheimen Rezepten herstellen, so ans Limit gebracht, dass sie einen offenen Brief veröffentlichten, in dem sie angaben, die steigende Nachfrage nicht mehr abdecken zu können und sie wieder mehr Zeit fürs Beten haben wollen. Seither wird der Zugang zum Kult-Likör immer schwieriger. Als ich kürzlich bei «Paul Ullrich» in Zürich weilte, hiess es, dass man damit rechne, ab nächstem Jahr in der Schweiz gar keinen «Chartreuse» mehr zu bekommen.
Besagte Firma «Paul Ullrich» veröffentlicht ein Periodikum, in dem in der aktuellen Ausgabe eine «würdige Alternative» zum «Chartreuse» angepriesen wird: «La Gauloise»:

Auch dieses Produkt enthält unzählige Botanicals, gibt es in gelber und grüner Version und existiert ungefähr gleich lang, seit dem 18. Jahrhundert (wobei das Rezept älter ist) und kostet ungefähr so viel, wie der «Chartreuse» früher gekostet hat, um die 60 Franken pro Flasche. «Chartreuse» ist aber stärker im Alkoholgehalt, in der grünen Version 55 % zu 48 %. Mittlerweile sind die Preise für den «Chartreuse» je nach verbliebener Bezugsquelle auf bis zu 85 Franken geklettert.
Unser Chefredaktor Sascha hatte schon letztes Jahr einen Artikel über «Chartreuse» geschrieben und ich bin beim «Wermutwolf» für die Mixologen-Themen primäre Ansprechperson, also wollten wir natürlich wissen, ob «La Gauloise» tatsächlich ein würdiger «Chartreuse»-Ersatz sein kann.

Als ich mir kürzlich je eine Flasche davon anschaffte, verkosteten wir «La Gauloise» stante pede.

Unsere erste Reaktion war, dass es dem «Chartreuse» echt ähnlich kommt, sehr sogar. Doch nun, als ich zu Hause den direkten Test zwischen den beiden Lebenswassern vornehme, wirkt der Unterschied frappant! Ich verkoste zuerst beide grüne Varianten, dann einen Cocktail mit grünen Varianten, dann beide gelben Varianten und schliesslich einen Cocktail mit gelben Varianten. Und in allen vier Fällen ist das Fazit dasselbe: «Chartreuse» ist ganz klar, völlig eindeutig, viel schmackhafter, intensiver als die «Gauloise»-Produkte.

Schon beim ersten direkten Vergleich, Grün zu Grün, pur, ohne Eis, rieche ich es schon in der Nase glasklar heraus: «Chartreuse» riecht unglaublich stark, nach hundert verschiedenen Botanicals (es sind mehr als 100), während «La Gauloise» dagegen ziemlich eindimensional wirkt.

Der Cocktail, den ich mit den grünen Varianten mixe, ist der «Last Word»: mit grünem «Chartreuse» resp. «La Gauloise», plus zu gleichen Mengen Limettensaft, Gin und Maraschino. Ich dachte, dass man den Unterschied im Cocktail weniger wahrnimmt, doch nein, es ist genauso bemerkbar.

Für den gelben Cocktail-Vergleich mixe ich den «Naked & Famous»-Cocktail, der ebenfalls zu gleichen Teilen gelber Chartreuse, Mezcal, Aperol und auch wieder Limettensaft enthält. Auch in diesem direkten Vergleich ist der Unterschied sowohl gut riechbar als auch zu schmecken. «Chartreuse» ist so viel geschmacksintensiver. Mezcal hat auch ein intensives Geschmacksprofil, doch dieser Cocktail wird in der «Gauloise»-Version vergleichsweise ziemlich fad.

Wir müssen also konstatieren: Es gibt keine wirkliche Alternative zu «Chartreuse». Ich hätte mir sehr gewünscht, dass das Fazit dieses Tests gegenteilig ausfällt, aber es ist halt, wie es ist …











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