Entdeckungsreise Mezcal – Bruxo No. 4

Letztes Update:

Wir sind noch immer auf der (vielleicht nie endenden?) Suche nach leckeren Mezcals im noch einigermassen bezahlbaren zweistelligen Frankenbereich. Die heutige Trouvaille ist der «Bruxo No. 4» Ensamble von Agave Capital, dessen Terroir äusserst trockenes Wüstengebiet ist.

Von den beiden Zugpferden bei Bruxo (X und No. 1) werden zusammengenommen um die 9000 Liter pro Monat hergestellt. Beim «Bruxo No. 4» sind das «nur» plus/minus 600 Liter pro Monat, jeweils von April bis August. Er kommt mit 46 Alkoholprozenten für einen Mezcal relativ moderat daher.

Ja genau, um den Zweiten von rechts geht es hier

Beim letzten Artikel dieser Serie thematisierten wir einen Ensamble mit den Agavensorten Espadin, Barril und Mexicano. Der «Bruxo No. 4» besteht ebenfalls aus Espadin (10 %) und Barril (30 %), doch der Wolfs-, äh Löwenanteil macht Cuishe aus (60 %). Das Rezept stammt von Meisterbrenner Cesareo «Hero» Rodriguez, der dieser Arbeit in dritter Generation nachgeht.

Da ich je länger je mehr in diese Welt eintauche, mache ich es ab jetzt voll Profi-mässig wie in den Mezcal-Foren, und nenne die Identifikationsnummer der Charge (Lot/Lote) meiner Flasche: E2812. Bang! Das wird hier niemandem etwas sagen, aber es fühlt sich cool an …

Leider ist die Flasche mit einem Wachsverschluss versiegelt, was zwar stylish ausschaut, doch in meiner Unbeholfenheit eine unsägliche Sauerei hinterlässt. Nicht mehr so cool … Aber meinetwegen, der Inhalt ist wichtiger als die Verpackung.

Das ist bereits der fünfte Artikel dieser Mezcal-Artikelserie in diesem Monat. Es ist so, der Agaven-Spirit hat es mir angetan und ich bekomme nicht genug davon. Ich will den Bogen aber auch nicht überspannen, deshalb hier ein kleiner Exkurs in etwas andere Gefilde:

Die Welt der alkoholischen Getränke ist durchflutet von der Welt des Marketings. Die Produkte werden durch PR-Sprech zu lebensverändernden Erfahrungen hochstilisiert. Also, okay, wir sind der Wermutwolf: Manchmal haben Spirits tatsächlich Spirit. Und niemand wird verneinen wollen, dass das Leben von zahlreichen Menschen mit Sicherheit schon oft nach dem Konsum von Alkohol massiv verändert wurde; durch Sex, Heirat, Affäre, Scheidung, Unfall, Tod und dergleichen. Vielleicht auch alles miteinander respektive nacheinander, nicht zwingend in dieser Reihenfolge …

Meine Flasche, wie man sieht, erneut bei Casa del Tequila erworben, für 89 Franken

Doch zurück zum profanen Marketing. Welches Wort könnte die Idee einer lebensverändernden Erfahrung am treffendsten wiedergeben? Natürlich «Magie»! It’s magic! Wie der berühmte Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke einst so klug erklärte: «Eine weit genug entwickelte Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden». Denn da es der Verstand nicht rational in die bestehende Geisteswelt einverleiben kann, ist es Magie. Ein Erlebnis des Entrückens. Ein Abgleiten in ferne, unbekannte Sphären. Genau so wie beim Genuss von Mezcal …

Der Magie-Begriff wird in der Werbung inflationär verwendet. Bei Bruxo steht auf der Firmenwebseite: «So wurde Bruxo geboren: Aus der Ehrung zur Magie von Mezcal, der Verbindung zwischen dem, was erdgebunden ist und dem, was heilig ist.»

Und etwas weiter unten: «Wir begaben uns auf eine Mission: Die Bedeutung von Magie zu entdecken. Wir entdeckten, dass alles um uns herum eine neue und verborgene Seite hat, von der wir wenig wissen. Alles, überall, hat eine mystische Seite. Magie ist unser wertvollstes Vermächtnis, es verbindet uns mit dem authentischsten Kern von allem, eine Brücke bauend zwischen unserer Welt und dem, was dahinter liegt. Magie ist eine offene Einladung zu glauben, zu wachsen, und erstaunt zu sein.» Und so weiter, und so fort.

Dies der vermutlich magische Ort, woher dieses feine Götterwasser kommt

Also ich wäre der Letzte, der all diesen Worten mit eifrigem Widerspruch begegnen würde. Mir tun Menschen unendlich leid, welche nur an «die Wissenschaft» glauben, nicht verstehend, dass diese immer nur mehr oder weniger flüchtige Momentaufnahmen produziert, nicht wissend, «dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als eure Schulweisheit zu träumen wagt».

Und Alkohol – wie auch unzählige andere Substanzen, die berechtigterweise auf diesem Planeten existieren – hat meines Erachtens primär exakt diese Funktion, um sich aus der fokussierten Down-to-earth-Situation herauszukatapultieren, um sich zu verlieren, um sich wieder neu zu finden – um eine Erfahrung, einen Blickwinkel reicher. Natürlich existieren auch Methoden, die ohne solchen äusseren Substanzen funktionieren.

Die Magie vom Bruxo-Mezcal!

Nun gibt es wahrscheinlich zwei Möglichkeiten, weshalb der Hersteller diese Ausführungen zur Magie etwas exzessiv verwendet: Entweder hatte der Marketing-Texter etwas gar viel Mezcal getrunken oder er/sie glaubt das alles tatsächlich mit solch inbrünstiger Überzeugung. Nennt mich einen alten Zyniker und Misanthropen, aber ich tippe auf Version 1. Ich kann mich auch irren. Es gibt wohl mehr zwischen Geist und Marketing als meine bescheidene Vorstellungskraft zu träumen wagt.

Doch nun zum Wesentlichen, dem Tasting! Dieser wie üblich ungelagerte Joven-Jüngling, zweifach im Kupferkessel destilliert, besticht in der Nase durch einen zitronig-floralen Duft, der im Gaumen dann mehr von seinem krautigen, mineralischen (Barril) Geschmack verströmt, auch mit deutlich mehr Süsse als in der Nase. Beim Riechen offenbart sich mir je länger je mehr der Geruch von Löwenzahn, Rucola (Cuishe), den Früchten. Er ist sehr sanft, harmonisch, zugänglich, nur sehr dezent rauchig-feurig und trotzdem mit einem gewissen Mass an Komplexität, das man von einem guten Mezcal erwartet. Auch hier empfinde ich meine Snack-Begleitung von Rosmarin-Meersalz-Crackern mit dunkler Schokolade vermischt als absolut perfekt. Man muss das Leben geniessen, es ist magisch!

Autor

  • Daniel Frey

    Ich habe Freude am Schreiben. Und am Trinken. Und am Schreiben, während ich trinke. Während des Vollmondes oder während des Trinkens verwandle ich mich in meine wölfische Urnatur.

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