Ein denkwürdiges Essay aus dem Tages-Anzeiger-Magazin (5)

Dies ist der letzte Teil unserer Artikel-Serie über Christian Seiler’s tolles Essay zum moderaten Alkoholkonsum. Wir fassen zusammen, ziehen unser Fazit, packen eine hübsche Schlaufe drum und geniessen die Schlussworte moderat und zivilisiert mit einem dem Anlass entsprechenden, edlen Tropfen.

Im ersten Teil erläuterten wir Seilers Haltung zur Thematik sowie seinen eigenen Konsum. Wir beschrieben den Status Quo und nannten einige Zahlen/Statistiken und fragten uns, wie diese zustande kommen.

Im zweiten Teil handelten wir den kanadischen Wissenschaftler ab, der im Zentrum der Kampagne gegen moderaten Alkoholkonsum steht, Tim Stockwell.

Im dritten Teil ging es um die Mächte im Hintergrund sowie aktuelle mediale und wissenschaftliche Beispiele, welche der Anti-Alkohol-Kampagne Paroli bieten.

Und im vierten Teil beschäftigten wir uns mit einem von Seiler erwähnten Harvard-Meinungsstück von zwei Professoren, welche aufzeigen, dass die Wahrheit viel nuancierter ist, als die Anti-Kampagne und entsprechende mediale Schlagzeilen implizieren.

Soll ich wirklich? Oder besser nicht? Schon ein Tropfen Alkohol kann …

Seiler beschliesst sein sehr spannendes, informatives Essay zuerst mit einem Streifzug durch die Geschichte. Er erwähnt eine Gemeinsamkeit von protestantischer Ethik und Abstinenzlertum, und zeigt auch auf die Verbindung zur Eugenik, der Erbgesundheitslehre sowie zum NS-Regime. Bezüglich Letzterem möchte ich noch anfügen, dass die Nazis zwar offiziell als Anti-Alkoholiker gelten, meistens jedoch nicht davon gesprochen wird, dass sie dafür Amphetamine (und andere Drogen) einwarfen, wie wenn es kein Morgen gäbe… Vor allem die Führungsriege war dem «totalen Rausch», wie ein hochinteressantes Buch dazu von Norman Ohler heisst, sehr zugetan. Und auch den Soldaten, welche an der Front wüteten, wurden solche Aufputschmittel mitgegeben, sodass diese zu unglaublichen Leistungen mit einem Minimum an Schlaf fähig waren. Der Kinofilm «Nuremberg» mit Russell Crowe als Göring erwähnt diesen wenig genannten Aspekt des dritten Reichs ebenfalls nebenbei.

Traditionell wird in Klöstern gebraut. (Trappisten-)Mönche wissen doch sicher, was ein gutes Leben ist …

Sein folgender Essay-Satz hat mir ein wissendes Lächeln aufs Gesicht gezaubert:

«Und wer einen Eindruck von den gesellschaftlichen Trinkgewohnheiten in den Fünfziger- und Sechzigerjahren im Vergleich zu heute haben möchte, muss nur einen Roman von Patricia Highsmith oder Ross Thomas lesen: Dort werden die heutigen Wochengrenzwerte schon an jedem beliebigen Montag weggespült, und zwar vor dem Mittagessen.»

Auch wie Seiler die zunehmenden Megatrends unserer Zeit, hin zu mehr Gesundheit und einem längeren Leben, Ernährungsprogrammen, Eisbaden etc. als eine Art von Besessenheit bezeichnet, den schönen Dingen des Lebens etwas entgegenzusetzen, was angeblich besser sein soll, gefällt mir sehr. Natürlich sehe ich auch das Positive hinter diesen Bemühungen, doch oft dünkt mich das alles in der Beobachtung etwas krampfig.

Als Seiler noch anführt, dass die Jungen bekannterweise weniger trinken, als die in Rente gehenden Babyboomer, erwähnt er en passent eine Seniorenresidenz namens «Margaritaville», benannt nach dem berühmten Party-Song. Das musste ich nachschlagen: Dieser Focus-Artikel beschreibt ein Rentnerleben, das ich mir für mich auch sehnlichst wünschte. Ob es dann finanziell aufgeht, wird sich zeigen. Fingers crossed …

Wie feixte Woody Allen noch: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Nach einer Weile braucht er einen Drink …

Seiler’s letzte vier Abschnitte, welche unter dem Zwischentitel «Ich geniesse das Trinken. Ich geniesse das Leben» stehen, fassen die wesentlichen Punkte nochmals zusammen, dass Selbstverantwortung sein Ding ist, eine grosse Flasche Coca-Cola wohl auch nicht gesünder als eine Flasche Bier ist, der Lebensmix nebst Alkoholkonsum andere Sachen wie gesunde Ernährung, Bewegung, Sozialleben, Lebensfreude enthält, welche mindestens so wichtig sind.

Diesem Fazit ist nicht viel hinzuzufügen. Meine Befürchtung ist halt, dass sich eine Mehrheit der Menschen tendenziell weder gestern, heute noch morgen die Zeit dafür nimmt, komplexe Sachverhalte selbst zu recherchieren, hinterfragen, debattieren und sich stattdessen einfach die Meinungen zu eigen macht, welche der Medien-/Techfirmen-/KI-Mainstream vorgibt. Ich hoffe aber natürlich, dass ich damit falsch liege.

Christian, vielen lieben Dank für diese aussergewöhnlich reichhaltige Lektüre! Cheers! (Der edle, delikate Tropfen war übrigens ein relativ kostenintensiver, fassstarker Roggenwhisky mit etwas Wasser …)

Autor

  • Wermutwolf Daniel Frey

    Ich habe Freude am Schreiben. Und am Trinken. Und am Schreiben, während ich trinke. Während des Vollmondes oder während des Trinkens verwandle ich mich in meine wölfische Urnatur.

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