Diese Folge zur Serie über Christian Seiler’s famoses Essay zum (moderaten) Alkoholkonsum beleuchtet ein ebenso famoses Meinungsstück («Is Alcohol Good or Bad for You? Yes.») aus dem «Harvard Public Health»-Journal von zwei Professoren aus den Disziplinen Medizin, Epidemiologie und Ernährung, bei dem Seiler offenbar den Titel seines Essays abgeleitet hat.
Gleich vorweg: Das ist die vorletzte Folge. Hier ist Teil 1, Teil 2 und Teil 3. Nächstes Mal gibt’s noch eine Zusammenfassung von Seilers wunderbaren Schlussworten, ein Fazit und dann ist aus die Maus. Ich habe mich bewusst über einen so langen Zeitraum damit befasst, da wir ein Magazin über Trinkkultur führen und der im Essay beschriebene Zeitgeist diese Trinkkultur in den letzten Jahren völlig verändert hat – und nicht zum Guten, zum Wahren, zum Schönen. Die Harvard-Professoren Kenneth Mukamal und Eric B. Rimm rücken das (unvollständige) Bild gerade.

Publiziert am 22. August 2024, also knapp anderthalb Jahre vor Seilers Tagi-Magi-Text, illustrieren die beiden Autoren (mit total 60 Jahren Forschung zum Thema auf dem Buckel und ohne Interessenskonflikte) perfekt, was an der aktuell herrschenden Kampagne gegen moderaten Alkoholkonsum alles falsch ist. Zusammengefasst ist ihre Botschaft, dass die Wahrheit viel nuancierter ist, als dass jede kleine Menge Alkohol per se schadet. Und dass in diesen Nuancen verdammt viele wichtige Erkenntnisse stecken, die noch der Entdeckung harren.

Sie nennen als Beispiel eine viel zitierte Studie mit einer Million Frauen in Grossbritannien, welche bei moderatem Alkoholkonsum (ein Drink pro Tag für Frauen) eine erhöhte Krebsrate zeigte. Wenn man nun aber genauer hinschaut, zeigte sich ebenfalls, dass diese Erhöhung fast ausschliesslich auf das Konto von Brustkrebs geht und dieselbe Studie beispielsweise auch zeigt, dass starker Alkoholkonsum die Raten bei Schilddrüsenkrebs, Non-Hodgkin-Lymphom und Nierenzellkarzinom verringerte. Das bedeute nicht, dass starkes Trinken gut für dich ist, sondern dass die Wissenschaft rund um Alkohol und Gesundheit komplex sei …

Mukamal und Rimm weisen darauf hin, dass es bei diesem Thema einen eklatanten Mangel an grossen, langfristigen Studien von hoher Qualität gibt. Es gebe durchaus Dutzende von randomisierten Kontrollstudien, doch diese untersuchten nicht mehr als 200 Personen über einen Zeitraum von zwei Jahren (bei der vorher zitierten Studie wurden die Million Britinnen über durchschnittlich 7,2 Jahre beobachtet). Längere und grössere Studien werden beispielsweise für Diäten oder neue Medikamente durchgeführt, doch nicht zum Alkoholkonsum.

Alkoholstudien seien stattdessen häufig Beobachtungsstudien, bei denen grossen Gruppen von Trinkern und Abstinenzlern gefolgt wird. Beobachtungsstudien können aber nicht Ursache und Wirkung nachweisen, da moderate Trinker in vielem verschieden sind im Vergleich zu Abstinenzlern oder harten Trinkern – bezüglich Ernährung, Sport, Rauchen, und so weiter. Trotzdem könnten diese Studien nützliche Informationen enthalten, welche allerdings Forschung benötigte.

Sie erwähnen hierfür eine Analyse von über 300’000 Trinkern in UK, bei der einer der beiden Harvard-Professoren herausfand, dass dieselbe Menge Alkohol die Chancen eines frühzeitigen Todes erhöhte, wenn der Alkohol in weniger einzelnen Trinksituationen und ausserhalb der Mahlzeiten eingenommen, jedoch senkte, wenn verteilter und zum Essen konsumiert wurde. Solche Nuancen kämen selten in der breiten Diskussion über Alkoholforschung vor, sondern es werde vor allem auf den Total-Konsum fokussiert, was zu vereinfachten Generalisierungen anstatt zu praktischem Wissen über ein komplexes Thema führt …











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