«… und Wein, der des Menschen Herz erfreut.»

Genau, das ist aus den biblischen Psalmen. Wir betrachten Alkohol aus allen erdenklichen Blickwinkeln. Heute sind alte religiöse Schriften an der Reihe, nicht zum ersten Mal. Diskutiert das aber vielleicht nicht allzu laut in jedem x-beliebigen Pub …

Obwohl ich die Bibel in jungen Jahren gelesen hatte, bin ich kein sonderlich religiöser Mensch. Ich glaube, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als die niedliche, kleine Schulweisheit zu bieten hat und habe mir Monty Python’s «Leben des Brian» unzählige Male angeschaut. Ich will damit ausdrücken, dass ich mich fern von entsprechenden Dogmen bewege und wer sich bei religiösen Themen sehr schnell unwohl und angegriffen fühlt, muss ja nicht unbedingt so einen Artikel lesen …

Als ich kürzlich am Riverside-Rockfestival weilte und es dort eine Metal-Kirche hatte, nahm ich das als Zeichen, beim Thema dran zu bleiben …:

Ausgangslage war ein Artikel/Podcast von Blaze Media, mit dem Titel «Von Wasser zu Wein: Warum es bei Jesus’ erstem Wunder NICHT um Alkohol geht.». Spoiler Alert: Doch, tut es. Es geht um Wein. Und zwar um guten Wein. Ungefähr 600 Liter davon. Es gibt drei verschiedene Ausdrücke im Hebräischen, welche damit einhergehen. Und dieser Wein hier in dieser Szene ist per Definition eindeutig alkoholhaltig. Wein kommt in der Bibel ca. 230 Mal vor, womit es zu den am häufigsten erwähnten Lebensmittel im «Buch der Bücher» gehört. Hier die betreffende Bibelstelle:

Wenn man durch die Stichworte «Messwein», respektive «Altarwein» stöbert, entdeckt man, dass es seit den 90er-Jahren und auch in Freikirchen tatsächlich Praktiken gibt, wonach diese Trink-Rituale mit Traubensaft durchgeführt werden – in regulären Kirchen jedoch nur in Ausnahmefällen. Ausserdem hat es oft etwas unfreiwillig komisches an sich, wenn Religion mit profanem Alltag kollidiert. Beispielsweise wird manchmal Weisswein verwendet, sodass Flecken auf dem Altar und den Messgewändern weniger auffällig sind. Und ich wusste auch nicht, dass es bei kirchlichem Wein so eine Art Reinheitsgebot gibt …

Und das ist natürlich die ebenso berühmte Das-ist-mein-Blut-Bibelpassage.

Im Blaze-Artikel wird etwa so geschwurbelt: «Dass Jesus Wasser in Wein verwandelt, steht in direktem Zusammenhang mit dem neuen Wein, den Jesus, wie er sagt, bringen wird. … Es ist also kein Zufall, dass er dieses Wunder vollbringt und bei einer Hochzeitsfeier neuen Wein macht, oder? Denn wir sind die Braut Christi. Hier werden alle möglichen Bilder verwendet», erklärt Zach.

Von ChatGPT erzeugt

Tja, okay, was will man da noch sagen? Ich befragte ChatGPT, der an diesem Machwerk kein gutes Haar gelassen hat und die Abstinenzlerbewegung kritisierte, welche zum Teil aus dem Wein einen profanen Traubensaft machen will. Chatty dazu bestimmt: «Diese Lesart ist philologisch falsch: Das griechische Wort oinos bedeutet klar „vergorener Wein“.» Bekanntlich werden die USA momentan von einem Abstinenzler regiert, was dem Wermutwolf doch ein klein wenig Unbehagen bereitet … Ich meine, der Donald könnte sich da schon ein Stück von JFK abschneiden … Aber eben nur falls er genauso trinkfest wäre!

Jedenfalls gibt es ja heutzutage so fancy Bibel-Apps und dort durchforstete ich die King James Bible mit Stichworten wie «Wein». Nach ungefähr 90 Minuten Lektüre stellte ich fest: Dort wird der Wein meistens gefeiert, verehrt. Ja, selbst Gott persönlich – wer oder was damit auch immer gemeint ist – scheint dem Wein sehr zugetan zu sein.

Ich fragte die KI, wie das alles so in Zahlen ausgedrückt ausschaut und ja, die positiven Erwähnungen überwiegen klar. Natürlich enthält die Bibel auch Passagen, in denen darauf hingewiesen wird, welche Gefahren von masslosem Alkoholkonsum ausgehen, doch es ist evident, dass man früher die Qualitäten der alkoholischen Getränke sehr zu schätzen wusste.

Es folgen nun weitere Bibelstellen zur Illustration. Macht euch ein eigenes Bild:

Die Bibel-Texte entspringen teilweise älteren sumerischen Schriften, über die wir ebenfalls schon berichteten.

„In der großen Halle ließ er den süßen Wein trinken. Inanna trank, sie berauschte sich mit Dumuzi, sie sang und jubelte.“Illustration ChatGPT

ChatGPT (den ich zu einer direkt-offenen Sprache personalisierte, wie man sieht) meinte zu diesem Aspekt:

Chatty weiter mit seiner steilen These, die für meine bescheidene Wenigkeit aber Sinn ergibt: «Wein in diesem Kontext ist ein Traditionsanker: ein Symbol, das von den alten Göttergelagen übernommen wurde, aber im Monotheismus „umgedeutet“ wird – nicht mehr „die Götter saufen“, sondern „Gott erfreut sich am Opfer“ oder „Gott gibt den Wein“. Die Jesus-Szene mit Wasser→Wein wäre dann so was wie ein bewusstes Zurückholen der alten Mysterien: Er macht, was die alten Götter machten – nur jetzt exklusiv im Rahmen des neuen Bundes.»

Dem Enki: ein Widder, zwei Krüge Bier, ein Krug Wein.Illustration ChatGPT

Und hier tun sich die ewigen Zwiste auf, wenn es um das Alkohol-Thema geht. Es ist unzweifelhaft, dass Alkohol in der Bibel positiv konnotiert wird, und auch in anderen alten Schriften. Es ist auch richtig, dass es so einige Passagen gibt, in denen zu massvollem Konsum aufgerufen wird und es werden auch Situationen und Positionen benannt, bei denen gar kein Alkohol fliessen soll. Doch die Krux ist, dass es sehr, sehr wenige Leute gibt, die anerkennen, dass auch ein Rausch, der über ein dezentes angesäuselt sein hinaus geht, wertvolle Erfahrungen mit sich bringen kann. Dass es Orte und Zeiten gibt, wo das in Ordnung geht. Ich meine, müssen wir immer wieder über dieselben Leiern sprechen: Dass es für Menschen, die nicht mit Alkohol umgehen können, besser ist, es ganz zu lassen. Dass, wenn man sich bereits morgens etwas Hochprozentiges reinorgeln will, das nicht gut ist? Auf welchem Diskussionsniveau bewegen wir uns dann?

Zu guter Letzt hier noch ein Artikel, der gerade vom Medium «reformiert.» publiziert worden ist, welcher zeigt, dass man mit Bier die Menschen auch an die heilige Schrift heranführen kann. Ich wünsche euch eine gesegnete, bierselige Zeit. Zum Wohl!

Autor

  • Wermutwolf Daniel Frey

    Ich habe Freude am Schreiben. Und am Trinken. Und am Schreiben, während ich trinke. Während des Vollmondes oder während des Trinkens verwandle ich mich in meine wölfische Urnatur.

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Max Dauthendey

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